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Bau eines jungsteinzeitlichen Hauses Samstag, 04. 02. 2012

Hausbau in jungsteinzeitlicher Zeit am Beispiel des Nachbaus eines jetzt fertigen Langhauses in Lorentzweiler/Luxembourg.

Bandkeramisches Langhaus

Idee und Ausführung:
©Serge Reinardt
Lintgen-Lorentzweiler (Luxembourg)
Coordinateur du projet
Préposé forestier de l'Administration des Eaux et Forêts

Blumammu und Serge Reinardt

Die Umweltgruppe der Primär- und Vorschule in Lorentzweiler/Luxembourg entschloss sich im Jahr 2003 ein multidisziplinäres Projekt mit Schwerpunkt Geschichte in die Wege zu leiten. Die Jungsteinzeit bot sich als Anfang der Entstehung der Kulturlandschaft daher besonders an.

"Von Laien für Laien" hieß die Devise. Die Idee des Projektes war, dass alle Beteiligten zusammen in einem gemeinsamen Prozess herauszufinden versuchen, wie ihre Vorfahren in dieser Zeit gelebt und gearbeitet haben. Der Lerneffekt hatte zwei Ebenen, einerseits wandte das Projekt sich an Primärschulkinder, andererseits ging es um praktisches Umsetzen von Elementen der Naturerlebnispädagogik. Drei junge Absolventen der Wald- und Umwelttechnikerausbildung und Anwärter auf eine Försterlaufbahn betreuten fast täglich über 6 Monate lang Schulklassen und andere Gruppen.

Grundriss und Pfostenstellung
Als Grundlage dient der Befund einer Pfostenstellung eines Hauses aus der Linearbandkeramischen Kultur, etwa um 5000 v.Chr. Zur Vorbereitung auf die spätere praktische Umsetzung wurde auf der Basis von wissenschaftlichen Dokumentationen ein Modell gebaut.

Bau eines Models

Die Umweltgruppe der Primär- und Vorschule in Lorentzweiler hat den Anstoss zu einem Projekt gegeben, welches den Überlegungen der Agenda 21 Rechnung trägt. Eines der Hauptkriterien war, die Aktivitäten so zu gestalten, dass sie in den Rahmen des gegenwärtigen Lehrplanes passen und von allen LehrerInnen und Eltern getragen werden. So ist gewährleistet dass jedes schulpflichtige Kind der Gemeinde Lorentzweiler daran teilnehmen kann. Das Schulprojekt « Natur erliewen an der Schoul » versteht sich als ein Angebot naturbezogener Umweltbildung mit dem Ziel, die Kompetenzen der Kinder in den Bereichen Motorik, Intelligenz, Gefühle, soziale Bindungen und Kultur zu fördern.

Das Model

Die Basis des Projektes bilden die Aktivitäten in der Vorschule, die wöchentlich an einem Morgen stattfinden. Pro Saison werden zusätzlich ganztägige Thementage angeboten. Im unteren und mittleren Zyklus (1.-4. Schuljahr) werden die naturpädagogischen Aktivitäten inhaltlich und zeitlich dem Lehrplan angepasst. Ein fächerübergreifendes Projekt bildet in den oberen Klassen den Abschluss der Zyklusreihe. Die Einbindung lokaler Themen und Ansprechpartner vor Ort fördert die Identifikation mit der eigenen Umgebung und sichert somit eine Beteiligung an der Erhaltung des lokalen Kulturgutes.

Bandkeramisches Langhaus

Anhand des Modells konnten die jungen Bauhandwerker die ersten Schritte planen. Über 50 Löcher mussten mit der Hand gegraben werden, einige bis zu 1,50 Meter tief. Alle Eichenstämme wurden mit der Hand entrindet. Eine schweißtreibende Angelegenheit !

Bandkeramisches Langhaus

Um das Holz gegen Pilze und andere Schädlinge zu schützen, wurde das im Boden bleibende Stammstück im Feuer angekohlt. Dieser Technik ist es zu verdanken, dass wir heute wissen, wie in der Jungsteinzeit die Behausungen aussahen. Die Häuser bestanden ausschließlich aus Holz, Stroh, Schilf und Lehm. Diese Baustoffe hinterließen bei der Verwitterung keine Spuren. Die Archäologen können heute nur an den Verfärbungen der Asche im Boden erforschen, wie der Grundriss und der daraus erfolgende Aufbau der Langhäuser aussah. Das Haus in Blaschette kommt der "Rössener-Kultur" am nächsten. Die Bezeichnung der "Rössener" Kultur ist auf den Fundplatz Rössen (Kreis Merseburg-Querfurt in Deutschland) zurück zu führen.

Bandkeramisches Langhaus

Aus Gründen der Authentizität wurde die ganze Holzkonstruktion ausschließlich aus Eiche gebaut. Insgesamt wurden mehr als 30 Kubikmeter Festmeter Schwachholz verbaut. Die Eiche ist das einheimische Holz, das der Witterung am besten trotzt.

Bandkeramisches Langhaus

In der neolithischen Zeit wurden neben der Eiche nur noch die Erle, die Ulme, der Ahorn, die Linde und als Strauch die Haselnuss nachgewiesen. Die Buchen tauchten erstmals in der Subborealen Zeit (2.500 v. Chr.) auf und setzen sich im Subatlantikum (1.000 Jahre v. Chr.) erst durch und bildeten die heute uns bekannten Buchenwälder. In unserer Gegend wurden die Nadelhölzer erst sehr viel später (um 1.800 Jahre n. Chr.) von Menschenhand eingebracht.

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Die eingesetzten Pfähle wurden zuerst mit Steinen umfuttert die dann kräftig beigestampft wurden. Mit Sand und Wasser wurde dann beigeschlämmt. Mitte April war die erste Etappe geschafft. Über 50 Eichenpfähle standen aufrecht im Boden und der Grundriss war schon zu erkennen. Nur die schwachen Eichenstangen in den Mauern fehlten noch und das Flechten konnte beginnen.

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Anfang Mai wurde mit dem Flechten begonnen. Das Flechtwerk aus Ruten von Haselnuss, Ahorn, Erle gibt den Lehmwänden später Halt.

Bandkeramisches Langhaus

Zwischen Mai und Juli verarbeiteten die Hunderte von jungen Handwerkern fast täglich einen großen Anhänger voll Ruten. Ein Teil wurden vor Ort aus Ahornstockausschlag geerntet, der andere Teil wurde täglich herbeigeschafft. Schätzungsweise wurden 10.000 Meter Ruten verarbeitet, um insgesamt 110 Quadratmeter Flechtwerk zu erstellen.

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Die ganze Konstruktion ist mit Schrauben und Nägel gesichert. Um das Haus möglichst originalgetreu wirken zu lassen, wurden die Verbindungsstellen der Stämme und Balken nochmals mit Stricken aus Brennnesseln, Ranken der Waldrebe, Brombeere und Weiden untereinander verbunden.

Bandkeramisches Langhaus

Durch einen glücklichen Zufall lernten wir Henning, einen deutschen Wandergesellen, kennen. Er erklärte sich spontan bereit, bei uns Station zu machen. Die Mitarbeiter des Forstreviers Lorentzweiler durften von ihm das Handwerk des Reetdachdeckers lernen.

Reet (Schilf) ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheit. Schilf wächst auch in unserer Gegend. Arbeitslöhne und Naturschutz haben den Reet-Anbau uninteressant gemacht. Das verarbeitete Reet wurde aus Ungarn importiert. Bei der Ernte wird das Reet zwischen Mitte Oktober und Mitte März ein paar Zentimeter über dem Boden (Wasseroberfläche) geschnitten, sodass im Frühjahr die neuen Triebe wieder ungehindert wachsen können. Die Ernte und auch die Qualitätssortierung sind auch heute noch von viel Handarbeit gekennzeichnet.

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Die Wände werden mit einer Mischung von Lehm, Sand, Stroh und Wasser mit der Hand verstrichen. Insgesamt wurden 6 Lkw Ladungen Lehm (120 T !!), 2 LKW Ladungen Sand (40 T !!) und 2 große Rundballen Stroh in der am Haus befindlichen Lehmgrube gemischt und verarbeitet.

"…danach bewarfen wir die Wand mit Lehm. Wir wurden dabei richtig schmutzig und das machte richtigen Spaß!"
(Auszug aus einem Aufsatz)

Bandkeramisches Langhaus

"Wir schaufeln ein großes Loch und legen eine Plastikplane hinein. Jetzt kommt der lustige Teil der Sache. Wir kippen den Boden, den Sand und das Stroh in das Loch. Jetzt gießen wir Wasser hinzu. Um das ganze zu vermischen, springen und stampfen wir drauf. Einige wälzen und drehen sich sogar in diesem Matsch !" (Auszug aus einem Aufsatz)

Bandkeramisches Langhaus

Der gelieferte Lehm kommt vom "Mierscherbierg". Der hervorragende Baustoff fiel bei Aushubarbeiten um den Wasserbehälter an und wurde von der Baufirma Siebenaler aus Mersch kostenlos angeliefert.

Der Lehm stammte aus dem Lößlehm. Dieses in der Eiszeit entstandene Lockersediment steht in Luxemburg natürlich an.

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Ende August ist das Dach fertig gedeckt. Über 3200 Bünde Reet wurden zu einem 240 Quadratmeter großen Dach mit einer durchschnittlichen Stärke von 25 cm verarbeitet.

Bandkeramisches Langhaus

Der Dachfirst, wo die Halme des Reets der linken und der rechten Seite des Daches zusammenstoßen, ist die empfindlichste Stelle was die Dichte des Daches betrifft. Daher wird hier eine dicke Lehmschicht aufgetragen. Um dem Abtragen des Lehms durch Witterungseinflüsse (Regen, Wind) vorzubeugen wird dem Lehm Grassamen beigemischt. Die Grashalme bilden den lebenden Übergang zum Schilf. Die Grasnarbe hält den Lehm zusammen.

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Bandkeramisches Langhaus

Oktober 2003. Aus dem Weg wurde ein Ziel. Nach schätzungsweise 8.500 Arbeitsstunden und unzähligen Erfahrungen war das neolithische Haus fertig gestellt. 1 500 Kinder des Alzettetals, aus Luxemburg und dem nahen Grenzland beteiligten sich. Unzählige Freiwillige ließen sich begeistern und standen mit Rat und Tat zu Seite. Im Rahmen von pädagogischen Aktivitäten wird die Inneneinrichtung des Hauses in den nächsten Jahren fertiggestellt.

Der Langbau ist eigentlich ein in drei gegliedertes Bauernhaus. Die Tiere werden hinten untergebracht, daneben befanden sich die Schlafplätze. In der Mitte liegt der Wohnbereich mit Feuerstelle. Vorne bei der Eingangstür befindet sich die Küche und die Jagdecke. Auf dem Dachboden lagerten die Vorräte.

"D’Nadia an d’Lisa sin iwert e Bamstamm balancéiert. Wéi mir dee Stamm opgehuewen hun, war een doudegen Fräsch drënner. Ech fannen ët immens, soueen Haus ze bauen. Hoffentlech bleiwt d’Haus nach lang stoën !"

Anfahrtsplan Lorenzweiler und Blaschette

Sollten Sie einen Besuch oder Event in diesem Haus planen, setzen Sie sich mit Blumammu in Verbindung.

To be continued ...

Buchempfehlungen zum Thema:
"Frühe Bauernkulturen in Niedersachsen"
Verlag Isensee 19832004
ISSN 0170-5776
Antiquariat

"Wiederaufgebaute Vorzeit"
Claus Ahrens
Karl Wachholz Verlag 1990
ISBN 3 529 01838 4

Buch BauernkulturenBuch Wiederaufgebaute Vorzeit



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