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Fällen Samstag, 04. 02. 2012

.Baumfällen mit einem Steinbeil

Folgen Sie mir in die unendlichen Tiefen Deutscher Wälder. Hier irgendwo stehen sie noch, die sagenhaften Bäume, warten auf die Hand des fähigen Steinzeitlers, der mit primitiven (?) Methoden versuchen wird, sich dieser Bäume habhaft zu machen, sie zu fällen. Blumammu zeigt zwei (von den Werkzeugen) unterschiedliche Methoden des Baumfällen.



Erste Methode: Das parallel geschäftete Beil



Rohling FeuersteinZuschlag Feuerstein
Steinbeil aus FeuersteinFeuersteinbeil von vorne
Feuersteinbeil von oben

Aus einem Feuersteinrohling (die meisten Beile waren aus Feuerstein, hier Valkenburg-Feuerstein aus Valkenburg in Süd-Limburg/Nederlande) wird ein Flachbeil gehauen und geschliffen. Diese Arbeit kann, je nach Größe des Beils, bis zu 24 Stunden dauern. Vorher ist eine gründliche Sichtung des zu verwendenden Materials ratsam, denn wenn einmal das Beil geschliffen ist, gibt es kein zurück. Nur eine fertige Beilklinge läßt sich testen! Die Flüche möchte ich nicht gehört haben, wenn bei einem ersten Test die Beilklinge in Einzelteilen durch die Gegend sauste (was oft passiert sein muss). Holm und Beilklinge passen wie Topf und Deckel zusammen. Der Verlust einer Beilklinge bedeutet den Verwurf des Holzholms. Bruch eines Holzholm bedeutet die erneute Arbeit eines der Beilklinge angpassten Holmes. Weniger Arbeit eigentlich als in ersterem Fall.

Eine Axt hat immer ein Führung für einen Schaft im Schlagkörper intergriert, während eine Beilklinge in einen Schaft eingepasst wird. Also wäre beispielsweise ein indianischer Tomahawk eine Streitaxt, weil: er hat ein Loch für den Schaft. Die Beile waren für jeden Einsatz verschieden groß. Es gab auch sehr kleine. Diese wurden wieder in Geweihfutter eingesetzt. Doch soll hier nur diese eine Methode gezeigt werden.

Schleifstein für den Feuerstein

Der Holm ist aus Ahorn. das Schaftloch durchgehend und auf den Millimeter angepasst. Die Flachbeile wurden in Stangenholme aus Eschen- oder Ahornholz parallel zum Holm eingepaßt. Der Holm bleibt vorerst im Rohzustand.

Beilmaterial aus Süddeutschland

Das Schaftloch ist durchgehend, wobei nur die Schmalseiten des Flachbeils das Holz berühren und die Schlagwucht über die beiden Schmalseiten weitergegeben wird. Unten sehr schön zu sehen, das die Schneide des Beils parallel, also in gleicher Linie zur Hauptachse des Holzschaftes liegt, deswegen: Parallel geschäftetes Beil.

Holm 01Holm 02Holm 03

Wenn alles passt, wird ein erster Test mit dem Beil gemacht, ist der Baumfäller zufrieden, wird der Schaft erst dann überarbeitet, also ergonomisch geformt und behandelt.
Vorgehensweise zum Bau eines Feuersteinbeils

Solche Beilformen sind seit der Jungsteinzeit belegt durch Funde aus dem Bodensee, wo sich das Holz noch sehr gut erhalten hat.

Alte Holme von Feuersteinbeilen

Belege aus der heutigen Ethnologie (Papua-Newguinea) zeigen den Einsatz dieser Beile bis in die jüngere Vergangenheit (bis ca.1960). Auch hier die gleiche Verfahrensweise: Aus einem Rohling wird ein Beil geschliffen, dann geschäftet und benutzt. Solche geschliffenen Steinbeile galten vor dem Aufkommen der Stahläxte in PNG als Statussymbol, Geld und hochgeschätzter Gebrauchsgegenstand.

Papua Neu Guinea Steinbeile

Papua 01Papua 02Papua 03

An dieser Stelle einige Bilder zu einer eigenen Fällaktion als Test mit dem weiter oben gezeigten Beiltyp. Die 15cm dicke Birke wurde am 05.04.04 ca.13.30 Uhr in einem Zeitraum von 25 Minuten mit dem Steinbeil gefällt.

Baumfällen mit einem Feuersteinbeil
Baumfällen mit einem Feuersteinbeil
Baumfällen mit einem Feuersteinbeil
Baumfällen mit einem Feuersteinbeil
Baumfällen mit einem Feuersteinbeil
Baumfällen mit einem Feuersteinbeil
Baumfällen mit einem Feuersteinbeil
Baumfällen mit einem Feuersteinbeil


Kantenschutz eines Feuersteinbeils

Damit einem die Beilklinge beim Transport beschädigt wird, rausfällt oder aneckt, schütze ich die Schneide mit einer einfachen Scheide. Das hat sich bewährt, besonders, wenn ich cool durch den Wald laufe und eine latente Angst habe, die Beilklinge fällt mir raus und ich merke es nicht.

>>Jungsteinzeitliche Beilherstellung heute





Zweite Methode: Das quergeschäftete Linienbandkeramische Dechsel


Dechselklinge
Die zweite Methode ist die des quergeschäfteten Beiles, oder besser Dechsel (das Dechsel). Auch hier wird ein Holm mit einer entsprechend passend geschliffenen Dechselklinge gearbeitet und damit gefällt. Interessant sind die grundsätzlichen Unterschiede im Material der Klingen, der Schäftungsmethode und dem eigentlichen Fällen.

Geschäftete Bandkeramische Dechselklinge

Bandkeramische Dechsel (auch Schuhleistenkeil), kommen im hiesigen Stolberger Gebiet vermehrt vor. Dechsel wurden ausschließlich und nur in der Bandkeramischen und Rössener Epoche der Jungsteinzeit hergestellt (ca. 5400 v. Chr. - 4200 v. Chr.) und sind in ihrer Form einzigartig.

Zwei Dechsel mit Schäftung

Zum ersten Mal kam im Technikbereich der Menschheit ein geschliffenes Felsgestein (Amphibolit) zum Einsatz und charakterisiert damit den Beginn der Jungsteinzeit in Mitteleuropa. Das Material Amphibolit stammt nicht aus dem Nordwest-Europäischen Raum. Es werden im nördlichen Europa keine Rohlinge gefunden. Wahrscheinlich kamen die fertigen (!) Dechsel aus den Karpaten, etwa 1000 km von Aachen entfernt. Wenn davon auszugehen ist, das die Bandkeramiker einen hohen Bedarf an Dechseln hatten, so sind Fernhandelswege zu vermuten, bzw. Handel von Weiler zu Weiler, bis die Stücke in die nördliche Siedlungskammern gelangten. Ersatzmaterial mangels Nachschub an Amphibolit war Basalt.

Bandkeramische Dechselklinge aus Basalt

Das Innere einer Basaltdechselklinge

Basalt stammt aus der hiesigen Gegend,bzw. aus der Vulkaneifel um Mayen/Koblenz. Interessant ist, das geschliffener Basalt dunkelgrau bis mattschwarz glänzt (Bild unten). Nach 7.000 Jahren verändert sich die Oberfläche bis in 1 mm Tiefe zu einer hellgrauen, gelblichen sandigen Schicht, je nachdem, in welchem Boden das Material lag. Man fragt sich spontan bei einem Fund, wie denn in Gottes Namen mit einem so weichen Stein Holz bearbeitet wurde (Bild unten). Erst wenn der "sandige" Dechsel aufgeschlagen wird, erkennt man den harten Kern aus graueer Basaltlava und so sah das Material im Lieferzustand aus. Blumammu hat einen flachen Basaltdechsel selbst hergestellt und benutzt diesen auch zu Holzarbeiten.

Vergleich alt neu

Dechsel wurden den Toten mit ins Grab gelegt. Blumammu zeigt etwa 30 vollständige, originale Dechsel. Alle sind Oberflächenfunde aus dem Bereich eines möglichen bandkeramischen Gräberfeldes in Stolberg.

Kiste mit Dechselklingen

Der Ursprung der charakteristischen Dechselform liegt möglicherweise in dem Gebrauch von Geweihstangen als Ausgangsrohstoff mit einem scharfen Blick auf Biberzähne und deren Methode, Bäume zu fällen: eine Weiterverabeitung eines Geweihfragmentes zu einer Art Meißel, der wiederum zum bekannten Bandkeramischen Dechsel wurde, aus Felsgestein (Amphibolit, Basalt, Grauwacke, siehe oben), jedoch nie (!) aus Feuerstein. Se non è vero, è ben trovato.

Aus Tradition behielten die Bandkeramiker die Form und Verarbeitung der frühen (Geweih-) Dechselform bei. Die runden Formen unterstützen den Schäftungsmechanismus. Hätte Mann auch anders lösen können, ist aber nicht geschehen. Erst Jahrhunderte später kam in Form der parallelgeschäfteten Äxte aus geschliffenem Feuerstein (Lousberg/Aachen oder Valkenburg-Feuerstein = siehe oben) eine andere Technik zum Einsatz. Das Wissen der Bandkeramiker ging verloren. Dunkle Steinzeitjahre! Die Zeit der Bandkeramik war im Gegensatz zur späteren Jungsteinzeit wohl eine ähnlich technisch innovative Zeit gewesen, wie das antike Rom im Gegensatz zum Mittelalter, wobei die Bandkeramiker natürlich die Römer wären. Kamen ja auch beide aus dem Süden.

Mit einem 25 cm langen Dechsel lässt sich eine 30 cm dicke frische Eiche fällen.
Auf Anfrage in Echtzeit und nicht mit originalen Dechseln.

Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel
Bandkeramische Dechsel

Die Aufnahmen entstanden am 26.05.05 in Düren/Raffelsbrand zwischen 10 und 12 Uhr unter Mitwirkung von Stefan Burgey und Hartmut Albrecht. Wir fällten eine Roteiche von etwa 20 cm Durchmesser. Probleme ergaben sich druch das Herausfallen der Dechselklingen. Die Bindungen mussten nachgezogen werden. Wahrscheinlich sollte der Holm vorher nassgemacht werden, so dass er quillt und die Bindungen besser sitzen. Eine Lösung wäre ein nachziehbarer Knebel aus Leder. Es stellte sich heraus, da der Schlag von oben geführt wird, das der Stiel des grossen Dechsels zu lang war und beim Abwärtsschlag in den Genitalbereich stieß. Gleichzeitig ist bei langer Handhabung keine Führung vorhanden, sodass die Dechselschneide am Stamm abwinkelte. Wir kürzten den Stiel kurzerhand auf ein handliches Maß. Dann ging es wesentlich besser voran.

Die Konstruktion der Dechsel ergab für den kleinen Dechsel einen zu steilen Winkel des Kopfteils für Fällarbeiten; entasten dagegen war kein Problem. Wenn der Schlag und Druckpunkt des Dechselendes nicht genau im Kernholz liegt, drückt die Wucht des Schlags einen Keil nach hinten heraus und das Ding ist hinüber. Bei Fällarbeiten liegt viel Wucht im Gewicht des Holms. Möglich ist die kombinierte Arbeit von zwei oder mehreren Baumfällern von verschiedenen Seiten. Dies verkürzt den Fällvorgang um die Hälfte oder um zwei Drittel der Zeit. Die Schneiden der Dechselklingen blieben stabil und scharf und bedürfen nach 2 Stunden keines Nachschliffs.





Als Buchempfehlung (Antiquariat)
La hache de pierre
Carrière vosgiennes et échanges de lames polis pendant le Néolithique (5400-2100 av. J.-C.)
Pierre Petrequin et Christian Jeunesse
En Français!
Editions Errance, Paris, 1995
ISBN: 2 87772 108 6

La hache de pierre


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