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Steinzeit nachspielen Donnerstag, 29. 07. 2010

Einsam

Zur Steinzeit und diese nachmachen im speziellen:

Zieht man in Betracht, das wir Kinder unserer Zeit und Kultur sind, so unterliegen wir in unserem Denken und Handeln den aktuellen Trends, Moden, Meinungen, dem Zeitgeschehen und Lebensgefühl des jeweiligen Kulturkreises, in dem wir aufgewachsen, dessen Religion und dessen Lied wir singen. Der Trend geht in den westlichen Industrieländern zu einem stetig wachsenden Gefühl der Lebensangst, Ungewissheit und Globalisierung, ein nicht mehr kontrollierbares Gefühl. Es wäre zu umschreiben mit einem Verlust der Individualität des Einzelnen, welches aber ein wichtiger Bestandteil unseres aktuellen Lebensgefühls ist. Zum einen werden wir immer mehr Menschen auf dem Planeten, zum anderen verliert der Einzelne dadurch vorlaufend an Bedeutung. Und hier setzt unser Bild der Steinzeit an: Wenn diese in den vergangenen Jahrzehnten noch als tumb und primitiv galt, ist sie zwar heute auch noch primitiv (wo kommen wir da sonst hin), doch auch edel, einfach, eindeutig und interessant. Solange sich dieses Bild im Museum oder in diversen Filmen darstellt, ist das in Ordnung. Vergleichen läßt es sich wohl mit den Romanen von Karl May. Auch hier schöne Geschichten, erfunden und dramaturgisch nett gemacht. Karl May war nie bei den Indianern, auch nicht bei den Arabern. Ich war auch nie in der Steinzeit.

Die Deutschen, ein Volk von Dilettanten, welches alles und vieles nachspielt. Es ist eine Frage der Zeit, wann verkleidete Nazis und Juden in Karnevalsumzügen mitlaufen werden. Das Thema ist ernst. Mir gehen die Sendungen im Fernsehen langsam auf den Geist, wo irgendwas Geschichtliches an den Konsumenten gebracht werden soll und prompt kommen diese Leute auch realistisch vor. Man beginnt, dies alles für bare Münze zu nehmen. Realitätsfremd ist das. Doch wir lieben das. Steinzeit realistisch dargestellt geht gar nicht. Es wäre niemand da, der das filmt. Und wenn, dann ist das so langweilig, das der Kameramann einen Bart darüber kriegt. Ein interessanter Link zu diesem Thema: >>authenticity (engl.)

Die Jäger und Sammler lebten in den Wäldern, Steppen, zogen umher, wenige Leute, in Clans, Sippen. Das Leben war wohl sehr dem der Wald-Indianer in Nord- und Südamerika ähnlich bevor die Europäer kamen. Es war sehr fremd für uns heute, andere Vorzeichen, instinktiver und kompromissloser. Schwer nachzuvollziehen. Einfaches Beispiel: Ein wertvoller Pfeil mit Steinspitze wird in einen Baumstamm geschossen. Den kriegen Sie nie mehr raus. Pfeil abbrechen oder stecken lassen? Das muss oft passiert sein. Oder wochenlang kein Erfolg bei der Jagd. Nix mit edler Jäger, holder Jüngling, stolzer Fährtensucher: Hunger.

Die Bandkeramiker lebten in Siedlungskammern wie Inseln innerhalb immenser Wälder, dort lebten Wölfe, Bären, Stiere, Wisente und viele andere wilde und böse Tiere (Zecken z.B.). Diese kamen auch bis an und in die Weiler. Ein wilder Wolf oder Bär wird heute in Deutschland sofort erschossen. Die Menschen damals haben viel und hart gearbeitet, alles Handarbeit, sich bestimmt nicht geduscht. Kein warmes Wasser für die Dauer des Lebens. Wochenlang in nassen Sachen, wenn es regnete. Infektionskrankheiten und Insekten, permanenter Kampf gegen die saatfressenden Vögel, Ziegen, Schweine.

Die Menschen waren Ernteabhängig, schlechte Jahre gefährdeten den Bestand der Familie, des Clans, keine Rente, keine Versicherung, kein Arzt. Für uns seltsame Riten bestimmten das Leben, bis hin zum Kannibalismus. Eine Sorge war die Rohstoffversorgung. Permanent wurde Material besorgt. Vieh wurde im Sommer in die Mittelgebirge getrieben, eine Almwirtschaft betrieben, mit allen Konsequenzen der Isolierung, den Bären und Wölfen und Kontakten zu streifenden Jägern. Permanent muss das Werkzeug, die Waffen, die Kleidung repariert, ausgebessert, neu geschaffen werden, kein Urlaub, Feierabend, Feiertag, nicht Geburtstage, allenfalls mal ein Fest, kein fließendes Wasser, wenn überhaupt, kein Alkohol, kein Tabak, keinen Kaffee, vielleicht Drogen. Alles zu Fuß, viel Nachdenken über das nächste Jahr. Kinder kriegen. Das gleiche eintönige Essen, jahraus, jahrein. Da war nichts romantisch. Vehemente soziale Probleme traten auf, als die Bevölkerungszahl stieg. Missernten, Seuchen und soziale Spannungen bedeuteten das Ende der Kultur. Klar, es kamen andere danach, so wie immer. Doch leben Sie mal in einer solchen Zeit, überfallen das Nachbardorf, rauben die weiblichen Kinder, töten die Erwachsenen und nehmen deren Ernte mit in das vielleicht nur 30 km entfernte Dorf. Das übertrifft selbst unsere Erfahrungen mit einem Dutroux. Und wir sind immer noch Bauern, Neolithiker. Unserer Technik hat sich perfektioniert, wir sind sehr viel mehr Menschen geworden und ein Großteil lebt nicht mehr in und von der Landwirtschaft. Doch unser Weiler ist größer geworden, er umfasst diesen Planeten. Wir haben noch immer die gleichen Probleme wie damals, nur in viel größeren Dimensionen.

Die Bandkeramiker waren die ersten Menschen in Mitteleuropa, welche sich eine "künstliche" Umwelt geschaffen haben. Wir haben das konsequent weitergeführt. Orang-Utans wird es in 10 Jahren nur noch in Zoo's geben, ebenso andere Tiere. Was, wenn diese Zoo's irgendwann zumachen, zerstört werden, verschwinden? Dann ist Schicht. So weit die heiligen Worte. All diese Gedanken hat die Steinzeit bei mir ausgelöst und ich denke weiter nach ...

Ich mache jetzt seit 7 Jahren intensiv Steinzeit und habe langsam eine vage Ahnung von dem, was sich wohl damals abgespielt haben mag. Funde aus unserer menschlichen Steinzeit sind wie Funde von Aliens: Fremd, unheimlich, weit weg und bloß nicht anfassen. Mit dem Unterschied, das wir die gleichen, selben Menschen wie damals sind. Nur anders. Gefühlsmäßig sind wir sehr verwandt mit diesen Aliens, unseren Ahnen, doch die Lebensumstände dieser Menschen stehen auf einem anderen Stern. Das macht die Steinzeit so interessant für uns. Sie ist weit weg und doch so nah. Wie ein Krokodil im Zoo.

Ich will nicht desillusionieren. Weiterhin wird geforscht, gefunden, eingeordnet und vermutet. Es wäre schade, wenn unsere Vermutungen über vergangene Zeiten der harten Realität der jeweiligen Fakten am Altar der Wissenschaft geopfert würden. Ich würde z. B. niemanden aus der Steinzeit kennenlernen wollen. Diese Menschen würden unsere Gegenwart als gigantische Verschwendung ansehen (womit ich mich oute und meine diffuse politische Meinung preisgebe) und ich müsste mich in einer Weise rechtfertigen, welche mein Lebensgefühl übersteigt. Dieses Beispiel läßt sich ebenso in die Zukunft legen, also falls ein Ururenkel von mir herkommt oder ich fahre hin. Eine sehr ähnliche Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen. Ein gewisses Problem ist die Balance: ein Steinzeitmensch schätzt seine Lage ein, weiss, wo er steht, was er macht und ist in seiner Zeit. Wir tun dies ebenso. Tauscht man die Vorzeichen, so kommt ein Steinzeitmensch bei uns nicht klar, wir nicht in der Steinzeit. Zu viele unbekannte Eindrücke, zu fremde Dinge, Unfähigkeit und Unverständnis, Angst und Panik. Hält man die Balance, so kippt das Gleichgewicht nicht. Entweder durch Verdrängung oder durch Ruhe und Gelassenheit. Natürlich mit dem Hintergrund, zu überleben. Wie erklärt man einem Steinzeitler einen Aufzug, wie erklärt man einem aktuellen Mensch, das er auch Abfälle aus der Mülltonne essen kann oder Würmer oder Schnecken? Es geht.

Ich habe Probleme mit Feuer, d.h. die starke Hitze und der Rauch. Einmal wegen der Augen und dann mit der Haut. Meine Augenbrauen sind praktisch verschwunden. Ich brauche oft eine Woche, um mich von einem intensiven Tagestermin in der Steinzeit zu erholen, bzw. um wieder auf mein kulturelles Niveau zurückzukommen. Auf der anderen Seite besitze ich einige Gegenstände aus meinem Repertoire, welche nach 8 Jahren intensiver Benutzung dem steinzeitlicher Gerätschaften und Abnutzungserscheinungen nahe kommen, etwa meine Feuerschlagsteine, diverse Holzschüsseln, meine Klamotten, mich selbst, Hämatit und die Pfeile. Alles geht kaputt, wird wieder repariert, ändert die Farbe und Form, bekommt Patina und Polierspuren vom Gebrauch. Liebgewordene Artikel bestechen durch ihr Durchhaltevermögen (wie mein geschäftetes Steinbeil = etwa 10 Bäume damit gefällt und hält durch, einfach super).

Ich wage ein kleines Fazit dieser 7 Jahre: Ich habe viele Menschen kennengelernt und besonders viele Rheinländer (bin selber Rheinländer). Das Rheinland von oben nach unten. Das ist sehr schön. Ich liebe das Rheinland und habe durch die Reiserei eine Heimatverbundenheit gefunden, die nahe an Nationalstolz kommt (wie etwa die Franzosen). Die Menschen sind das Beste bei den Terminen. Und von diesen Menschen wiederum die Kinder, Jugendliche. Ich bin mir inzwischen sicher, das der Mensch ein "Feuer-Gen" in sich trägt. Wir haben die letzten 3 Millionen Jahre unserer Evolution ins Feuer geschaut, das machen wir heute auch noch gern, nur hat das Fernsehen die Feuerstelle ersetzt. Jugendliche gehen mit einer natürlichen, kreativen Intensität auf Feuer zu, die in Erstaunen setzt. Der Hit bei den Terminen ist immer wieder das Feuermachen auf Steinzeitmethode, für mich "Alltag", für viele ein Wunder.

Meiner Meinung nach erstaunt die Menschen meine Arbeit als Steinzeitmensch, weil wir immer mehr in einer künstlichen Welt leben. Jugendliche spielen Computerspiele, gehen nicht in den Wald, wir sehen fern, gehen ins Kino, selbst den Schnee machen wir (zwangsläufig) inzwischen künstlich. Wir haben uns dermaßen von der Natur abgeschottet, das wir alles Wilde bezähmen, umbringen, einsperren wollen. Der Gipfel der Künstlichkeit sind Raumstationen im All. Da stört nun wirklich nichts mehr. Eine gewisse Wildheit im Zoo, Fernsehen, Park oder ähnlichem befriedigt unser Bedürfnis nach Nervenkitzel, so wie auch mich als der Steinzeitmensch. Gut, ich verdiene damit, der Kunde hat was davon etc. Doch Blut, schlachten, Sex, Drogen und Entbehrungen bleiben aussen vor. Wie soll das auch gehen?

In diesem Sinne ist Blumammu eine Art Disney World. Relativ sauber, durchschaubar, abgeschlossen. Wo will ich hin? Die Menschen (die Kunden) sehen bei den Vorführungen (sic) einen Menschen, der in seinem Äußeren und Gehabe einem Steinzeitmenschen entspricht, dazu noch die Action, der Witz, die Authentizität der Geräte; das alles machte eine Illusion. Wenn ich es so sehe, ist es gut. Doch glauben Sie mir, die Steinzeit, und ich weiß langsam, wovon ich spreche, war anders. Meiner Meinung nach war sie sehr viel ruhiger, gelassener, "Zeitloser". Das kann man keinem erklären, zeigen. Ebenso bin ich inzwischen der Meinung, man sollte mindestens einmal während der Schulzeit mit Jugendlichen auf einen Schlachthof gehen und der Klasse zeigen, wie geschlachtet wird, wie das Fleisch, welches wir essen, in den Handel, auf den Tisch kommt. Doch das steht auf einem anderen Blatt. Meistens ist die Sperre bei den Erwachsenen, nicht bei den Kindern.

Steinzeit kommt manchen Kindern dermaßen gut ins Gehege, das es eine Freude ist. Da gibt es keine Noten, keine Mathematik, da sind Qualitäten wie Feuermachen, Holz suchen, schiessen etc. gefragt. Gut, sagen Sie, das ist auch beim Militär so. Stimmt. Doch ist Steinzeit kein Gehorsamzwang, anmalen ist angesagt, Eigenintiative, eine gewisse Anarchie, Gefahr, rülpsen, furzen und schräg aussehen. Wir Menschen sind auf dem besten Weg mit unserer übertriebenen Sucht , alles zu erforschen, zu wissen, uns auszubreiten, uns anzueignen, uns zu vermehren, und das vielleicht in einer nahen Zukunft, diesen Planeten uns dermaßen perfekt untertan zu machen, das dies womöglich der berühmte freie Fall ist und wir denken, wir könnten fliegen. Sehen Sie, das ist alles ein Pfeifen im Walde in dunkler Nacht bei mir. Eigentlich müsste ich jetzt politisch tätig werden, einen Weg aus der Misere zu bahnen. Vielleicht tue ich das auch. Oder lasse es. Und mache so weiter wie bisher, das reicht eigentlich.



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