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| Der Mensch im Rausch |
Donnerstag, 29. 07. 2010 |

Wem die Flügel des Schwunges, sich über den grauen Alltag zu erheben, gebrochen sind, verkümmert menschlich, wird »Banause« oder »Spießbürger«. Zu dem wertvollsten Besitz, den der Mensch in seinem eigenen Innern trägt, gehört die Unruhe des Herzens, jener »Eros«, von dem die griechischen Philosophen Sokrates und Platon gesprochen haben. Ist er eine göttliche Kraft im Menschen, so ist er doch von der Gefahr der Dämonie umwittert. Sie in einem mythischen Bilde zu veranschaulichen, vergleicht Platon im » Phaidros« jede Seele mit » der zusammengewachsenen Kraft eines geflügelten Wagengespanns und seines Lenkers«. Beim Menschen ist eins der beiden Rosse aus edlem Stamm, das andere aus gemeinem Stamm. Dadurch wird die menschliche Lebens-Führung so schwierig gemacht. Der menschlichen Seele Schwingen sind gebrochen; darum hat sie sich für eine Zeit mit einem Körper verbunden. An sich würde die »natürliche Kraft des Flügels« die menschliche Seele zur Wohnung der Götter emporheben, doch muß sie in den Fesseln des Menschen-Leibes einen ständigen und mühsamen Kampf kämpfen, weil das Roß aus gemeinem Stamm immer ausbrechen und mit Ungestüm die Seele abwärts reißen will. Nur wer mit fester Hand das ungebärdige Roß zügelt und in die gleiche Bahn mit dem edlen zwingt, erreicht das dem menschlichen Leben gesetzte Ziel.
Wie Denker vom Rang eines Sokrates und Platon es nicht unter ihrer Würde gehalten haben, eingehende Überlegungen über des Menschen Rausch-Sucht, ihren Sinn und Wert wie über ihren Einbau in ein menschenwürdiges Leben anzustellen, so tut es auch heute not, die Rausch-Frage von der Ebene einer mit demagogischen Schlagworten arbeitenden Propaganda auf die Höhe geistig sachlicher Durchleuchtung zu erheben, um von hier aus neue Formen menschlicher Lebensformung zu gewinnen. Viele Erscheinungen der Neuzeit lassen sich verstehen, wenn man bedenkt, daß mit dem religiösen Umbruch, welcher die Neuzeit einleitete, die Forderung nach ausgleichender Harmonie des affektiven Antriebslebens durch Einseitigkeiten gestört und damit der Anfang gemacht wurde, daß sich äußerste Extreme gegenseitig in dialektischem Wechselspiel auf den Plan riefen. Wie Max Weber nachgewiesen hat, hat die Geisteshaltung des Protestantismus, vor allem des Calvinismus, » das Band zwischen Ich und Es zu durchtrennen gesucht, indem es die tieferen seelischen Schichten abschaltete und sich auf die Leistung eines prometheisch selbstvertrauenden Intellektes und des individualistischen Willens verließ. Der Typ des harten, nüchtern rechnenden puritanischen Kaufmanns hat hier seine Wurzeln, in entfernteren Form auch der des rationalistischen Aufklärers; ihm entspricht in vielem der Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, der Großes leistete, wo er mit stofflichen Quantitäten zu tun hatte, und überall versagte, wo er vom Menschen handeln sollte« [Fichtenau].
Im Gegenschlag zur rationalistischen Ausdörrung des Lebens erfolgte eine Überschwemmung der neuzeitlichen Kultur mit exaltierten Rausch-Effekten. Als Initiator des LiteratenRausches in der Neuzeit ist Jean Jacques Rousseau zu nennen. Dieser in seinem Leben und Handeln zwiespältige Mensch hat nicht nur aufseine Zeit, sondern darüber hinaus aufdie Kultur der Neuzeit bis in die Gegenwart hinein einen erstaunlichen Einfluß ausgeübt. Seine »Bekenntnisse« beginnen mit dem Ausdruck eines exaltierten Selbstgefühles, das seinesgleichen sucht. Diese Berauschung an großen Worten hat in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an Friedrich Nietzsche ihr Gegenstück. Seine Magie des Wortes ist auf Effekt berechnet.
Kant stellt das kritische Ende einer langen Periode dar, die den Verstand an die erste Stelle gerückt und ihm die Aufgabe zuerteilt hatte, eigenmächtig die Rätsel des Lebens zu lösen. Bei Kant endet die Zeit des Rationalismus in einer Kritik, die weite Kreise als vernichtend für jeden Erkenntnisanspruch empfunden haben. Der fieberhaft auf das An-Sich der Dinge ausgestreckte Erkenntniswille sah eine Barrikade vor sich aufgerichtet, welche das 19. Jahrhundert nicht zu nehmen vermochte. So suchte der enttäuschte Geist einen Schleichweg zum innersten Wesen der Dinge. Schopenhauer glaubte ihn gefunden zu haben: Wenn die Kunst - vor allem die Musik - die emotionale Tiefe der menschlichen Seele erregt, dann offenbart sich dem genialen Künstler wie dem nacherlebenden Genießer das Geheimnis der Welt. Was dem nüchtern klaren Blick des Intellektes versagt ist, scheint sich dem Rausch-Affekt des Verzückten zu enthüllen. Platon hatte die Musik aus der Welt der Welt-Weisen verbannen wollen, weil sie die Emotion errege und den klaren Blick trübe. Moderne Lebens-Philosophie aber sucht darin den geheimen Zugang zum Innersten der Welt. Der Romantik - soweit sie durch die Namen Fr. Schlegel, Novalis, Tieck gekennzeichnet ist - ist der bacchantische Rausch des Lebens das absolut Höchste, ihre Religion. Der leichte Tanz des Lebens wird ihr Gottesdienst. Tieck wird der »Punschtisch zum Altar«. Von hier aus ist auch Nietzsches Philosophie gespeist, die vom Tanz als Gottesdienst als dem Ausdruck überströmender Leidenschaft und Begeisterung spricht.
Wie die Qual des Suchens nach Wissen, das durch den agnostischen Skeptizismus unbefriedigt bleibt, umschlägt in das Suchen nach einem Geheimpfad, der unmittelbar in das Geheimnis des Lebens hineinführt, dafür ist Goethes Faust das klassische Beispiel. Wohl weiß Faust, daß GenuB gemein macht, doch hat Mephisto lockendere und sublimere Dinge: sie führen zum gleichen Ziele.
Kein Lebensgebiet ist mehr durch süchtige Entartung gefährdet als das des Eros und Sexus. Denn anders als beim Tiere bricht das Unendlichkeitsstreben des menschlichen Geistes in diesen Bereich ein und stellt daran Ansprüche, die es nicht erfüllen kann. Eros und Dionysos sind »Götter«. Die »geschlechtliche Allgewalt« der Natur haben die wilden und orgiastischen Demeter-, Magna mater-, Kybele-, Stier- und Phalluskulte göttlich verehrt, eine Verehrung, die zwar heute säkularisiert, aber im Grunde die gleiche ist. Nicht mit Unrecht spricht man ja bei sexuellen Perversionen von »Fetischismus«.
Beginnt eine Philosophie den Rausch zu verherrlichen, so tut sie es zunächst durch Idealisierung der feinsten Formen menschlichen Genießens, brutalisiert sich aber in der Folge mehr und mehr. Nietzsche verherrlicht als schwärmender Jüngling den dionysischen Rausch des Kunstgenusses, als Mann jedoch tritt ihm dafür der Wille zur Macht ein, der alles Widerstrebende niedertritt und als Stimulans selbst die Grausamkeit braucht. Was Nietzsche nur als literarischer Artist verherrlicht hat, ist zur Grundlage der Machtpolitik des »Dritten Reiches« geworden und hat sich hier in seiner wahren Gestalt vor aller Augen enthüllt.
Nietzsche, der Zauberer mit Worten, war in seiner Jugend dem Zauberer Richard Wagner verfallen, von dem er sich indes in einer seiner letzten Schriften, dem Pamphlet » Der Fall Wagner« mit Heftigkeit lossagte. Gesteht er im Vorwort, mit der Wagnerei so gefährlich wie sonst niemand verwachsen gewesen zu sein, so wirft er Wagner vor, in seiner Kunst sei » auf die verführerischeste Art gemischt, was heute alle Welt am nötigsten hat - die drei großen Stimulantia der Erschöpften, das Brutale, das Künstliche und das Unschuldige [Idiotische]«. Wagners Kunst wird »raffiniert«, »Theater« genannt; sie versteht sich auf das, was Massen bewegt.
Die Philosophie des Rausches gehört zu den zugkräftigsten Philosophien der Gegenwart. Sie bringt eigentlich nur auf ein gedankliches System, was als Lebenspraxis Millionen beherrscht. Mit allen Mitteln sachlich-denkerischer Problembewältigung ist ihr nicht beizukommen, denn sie leugnet den Boden, auf dem solche Auseinandersetzung stehen könnte. Sie kämpft gegen den denkenden Geist und verwirft ihn, um dafür dem Einswerden mit dem vitalen Leben das Wort zu reden.
Nicht nur in der Theorie wird dem Rausch gehuldigt. Wer diesem Gotte huldigt, verfängt sich auf die Dauer in seinen Krallen. Erschütternd für viele seiner Adepten war der frühe Tod von Max Scheler; das wenige, was seine intimen Freunde darüber andeuten, enthüllt uns die Tatsache, daß er das Opfer seiner nicht nur gelehrten, sondern auch gelebten Lebensphilosophie wurde. Daran ließe sich eine unabsehbare Reihe wechselnder bunter Bilder anschließen aus allen Bevölkerungsschichten, vom Philosophen bis zum Proletarier, vom Arzt, der Krankenschwester bis zum Kranken; sie alle zeigen das gleiche: die Krallen des Raubtieres der Rauschsucht, die ihre Opfer nicht mehr losläßt.
Wer heute vor »Dämon Rausch« als einer »Weltgefahr« warnt, setzt sich der Gefahr aus, nicht ernstgenommen zu werden. Man hält solcher Warnung entgegen, zu allen Zeiten sei ein geringer Bruchteil der Menschen der Rauschsucht verfallen, doch dürften - so meint man - darunter viele unerkannte Schizophrene, Epileptiker und sonstige Abnorme gewesen sein.
Wenn auch dieser abartige Teil der Menschheit dem Rausche verfalle, so sei - meint man weiter - bei weitem der gröBte Teil, eben der gesunde Teil, außer Gefahr. Indes gilt es zu beachten, daß ein wesentlicher Wandel eingetreten ist, der sich schon in der beängstigenden Zunahme von Suchterkrankungen in fast allen Ländern anzeigt, wie auch der Handel mit Rauschdrogen weithin die gesunden wirtschaftlichen Beziehungen der Völker vergiftet. Der 47. Deutsche Ärztetag von I928 begann die sogenannten » Danziger Leitsätze« mit der Feststellung: » Die Zunahme der Rauschgifterkrankungen ... seit der Kriegszeit verlangt dringend allgemeine MaBnahmen. « Weiter ist die Welle angeschwollen. Die »Leitsätze« über Rauschgiftsucht des Ärztetages von 1 955 beginnen: » Die Verbreitung von Rauschgiftsuchten verschiedener Art hat seit dem Ende des letzten Weltkrieges wieder zugenommen.«
Doch nicht einmal das ständige Anwachsen der Zahl der Suchtkranken stellt die große Gefahr dar. Es ist vielmehr der Einbruch der Chemie, welcher die Haltung zur Rauschdroge völlig verändert hat. Solange religiöse Kulte Rauschtrank und Rauschdroge als Gabe der Gottheit ansahen und diese unter feierlichen Zeremonien einsammelten und bereiteten, blieb die Rauschekstase den Höhepunkten des Lebens vorbehalten; nur wenige waren es, welche ganz der Sucht verfielen. Als »lebendige Leichname« waren zudem diese wenigen selbst von den Anhängern der Rauschkulte verachtet. Die Bindung an die Gottheit garantierte das Einhalten eines gewissen Maßes. Nun aber ist der Mensch mit der Chemie selbst in das Herz der Dinge eingedrungen; er stellt sich Rauschdrogen zu beliebiger Verwendung künstlich her.
Sowohl bei den christlich Getauften wie bei den Anhängern nichtchristlicher Kulte hat die Religion weithin ihre bisherige Stellung als lebendige Führungsmacht eingebüßt. An ihre Stelle ist ziemlich gleichmäBig bei allen Völkern der Erde eine andere Führungsmacht getreten; es ist der Wille zur autonomen Rationalisierung des Lebens durch die Wissenschaft. In ihrer Anwendung als Technik rationaler Lebensgestaltung gilt sie in weiten Kreisen als einzige Macht, welche die Zukunft der Menschheit wirksam gestalten kann. Schranken kennt menschliches Wollen und Planen danach nur als Grenzen des technisch Möglichen. Es ist, als ob das alte metaphysische Bedürfnis, das in den nachkantischen Philosophien des 19. Jahrhunderts klagte und einen Ersatz suchte, endgültig zum Verstummen gekommen sei und ein Zynismus sondergleichen jede außertechnische Begrenzung und Bindung völlig verständnislos abtue. Dieses Fallen absoluter sittlicher Hemmungen muß sich in einer liberalen Welt, welche keine letztverbindlichen Lebensziele mehr anerkennt, verhängnisvoll auswirken. Dafür treten zu leicht die irrationalen Mächte ein, die ohne Kontrolle rasch negative Mächte des Niederreißens werden.
Mit Ernst ist zudem auf die Gefahr der Vermassung aufmerksam gemacht worden. In einer entartenden Demokratie schwindet die Zahl derer, die viel von sich fordern und sich mit großen Aufgaben beladen; statt dessen drängen die Massen derer vor, » die nichts Besonderes von sich fordern, die sich begnügen, von einem Augenblick zum andern zu bleiben, was sie schon sind, ohne Drang über sich hinaus - Bojen, die im Winde treiben« [Ortega y Gasset]. Eben aber der vermaßte Mensch ist am anfälligsten für die Gefahren der Rauschsucht.
Versuchen wir nun eine allgemeine Charakteristik des Rausches. Zunächst erhebt sich die Frage: Welche Mittel werden zur Rauscherregung gebraucht? Dafür werden keineswegs Narkotika allein oder an erster Stelle verwendet. Vielmehr wird zum Narkotikum oft nur als einem Ersatz gegriffen, weil andere Wege zu schwierig erscheinen. Alles, was geeignet ist, den Menschen zu »entrücken«, ist von Menschen auch schon dazu gebraucht worden. Am ausgebildetsten ist da wohl die Yoga-Technik, die durch körperliche und seelische Disziplin, durch Kasteiung, Atemgymnastik, ausgezirkelte Sitzstellung, Fixierung der Nasenspitze u. a. systematisch eine Veränderung des Bewußtseins trainiert. Mehr körperliche Mittel sind Tanz, Erhitzung, Schwitzen und Fasten. Tanz ist ein berauschendes Bewegungsspiel, dem die Zauberkraft eignet, uns dem Alltagsleben zu entreißen und in eine Traumwelt hinüberzuführen. Schon der leichte Rhythmus des Tanzens löscht Anstrengungsund Ermüdungsgefühle aus, nimmt scheinbar dem Körper seine Erdenschwere und gewährt die Illusion, frei wie ein anderes Wesen durch den Raum zu schweben.
Die handgreiflichsten Mittel freilich, »Entrückungen« aus dem Alltagsleben herbeizuführen, sind die eigentlichen Narkotika, deren Wirkung in verschiedenartigen Bewußtseinsänderungen besteht. Zu diesen Narkotika gehören Peyote [Meskalin], alkoholische Getränke, Soma, Kawa, Tabak, Hanf [Haschisch], Opium, Rauch und Dämpfe berauschender Opferspeisen.
Wer echtes Verstehen der eigenartigen religiösen Rauschbräuche sucht, dem muß sich angesichts der genannten Mittel, welche zur Rauscherzeugung verwandt werden, zunächst der Gedanke aufdrängen: Hier wirkt sich ein Trieb von einer ganz elementaren Wucht aus! Der Mensch sträubt sich natürlicherweise dagegen, die Herrschaft über sich selbst, sein Vollbewußtsein aufzugeben. Hier aber wird das Brechen des Vollbewußtseins mit gewaltsamen Eingriffen in das körperliche Leben erstrebt und verwirklicht. Man vergegenwärtige sich, welche Hindernisse dabei zu überwinden sind! Selbst so elementare Gewalten wie Hunger und Durst werden tapfer übernommen und durchgehalten. Indianer bringen es fertig, bis zu zwölf Tagen voll zu fasten, um entrückt zu werden und die Geister zu schauen. Selbst Schmerz wird als Stimulans verwendet; ein Fakir kann sich einen eisernen Haken durchs Fleisch reißen lassen, um daran an einem hohen Galgen geschwungen zu werden.
So schwer im einzelnen religiöse Rauschhandlungen zu deuten sind, eine grundlegende Absicht blickt überall durch: der sehnsüchtige Wille nach einer anderen Welt. Die Enge des Alltagslebens drückt für gewöhnlich so unerträglich, daß nichts das Drängen dieser Sehnsucht aufhalten kann. Eben im Rausch meint der Mensch »entrückt« zu werden, in eine andere Welt versetzt zu sein. Die Dinge dieser Welt gewinnen im Rausch eine eigentümliche Leichtigkeit und Fülle, beschwingtes und tanzendes Dasein. Seltsame, neuartige Erscheinungen tauchen auf, » Geister«, Wesen, die eine über das Alltagsdasein erhöhte Existenz haben. Sicherlich steht dem primitiven Menschen das objektive Moment im Vordergrund. Er sucht den Rausch nicht zunächst, um einen Rauschzustand« zu erleben, sondern damit ihm darin eine neue Welt aufgehe.
Auch der dem Rausch verfallene Mensch der Gegenwart will im Rausch seine Welt vergessen und eine andere finden. Dabei aber bleibt sein ganz anderes Realitätsgefühl im Grunde unerschüttert. Nie schwindet ganz das Bewußtsein, daß seine gewöhnliche Welt die wirkliche Welt ist, der er trotz aller Bemühung nicht entfliehen kann. So wird seine. Rauschsucht feige Flucht aus einer Wirklichkeit, welche er nicht zu meistern vermag; er flieht in die Scheinwelt eines Truges. Der primitive Mensch hingegen sucht zunächst eine höhere Welt. Zwar nimmt er keineswegs jedes Rauscherlebnis unkritisch als Enthüllung einer übernatürlichen Wirklichkeit an. Doch glaubt er im Grunde an die Realität einer höheren Welt, die sich im Rausch entschleiern kann. Daher ist auch sein Rauschsuchen nicht feiges Ausweichen vor der Wirklichkeit, sondern echt religiöses Streben. Die subjektive Seite des Rausches, die veränderte Bewußtseinslage wird nur als Mittel mitgewollt.
Die Änderung des Bewußtseins kann eine Verminderung sein, langsames Abgleiten des Vollbewußtseins zu dumpfem Hinbrüten; doch kann sie auch Steigerung zu wirbelnder Bilderund Ideenfülle sein, Aufbrechen schlummernder Affekte und Energien. Dabei ist es den Trieben eigen, jedes Maß zu überschreiten, jede Grenze zu überfluten. Es ist, als ob im Rausche eine unerschöpfliche Quelle seelischer Kraft aufgebrochen wäre, als ob ein fremder Wille von unwiderstehlicher Wucht jedes Hemmnis spielend beseitigte. Dabei fühlt sich das Ich verwandelt. Alles scheint in ein neues Licht getaucht zu sein.
Der bekannte französische Dichter Charles Baudelaire, ebenso begabt wie haltlos, verfiel seit seiner Jugend der Dämonie der Rauschwelt, der er nicht mehr zu entrinnen vermochte. Sein Leben wurde zu einem » Leidensweg« [Porche]. Opium, Haschisch und Paralyse sind die Stationen seines tragischen Zerfalls. Mit seltener psychologischer Hellsichtigkeit erkannte er die Zusammenhänge und vermochte sie noch in seinen »Künstlichen Paradiesen« darzustellen. Dem ersten Kapitel dieses Buches gibt er bezeichnenderweise die Überschrift » Die Lust an der Unendlichkeit«. Er weiß: das erste und grundlegende Motiv aller Rauschsucht ist die Überwindung der gegebenen engen Alltagswirklichkeit und die Gewinnung einer höheren Welt.
Im Rausch wird eine neue unmittelbare Daseinsanteilnahme geboten, die des erwachsenen Menschen geheime Sehnsucht ist. Konnte das Kind bei seinem Erleben ganz » dabei sein«, ganz in seinem Spiel aufgehen, so empfindet der erwachsene Mensch den Verlust dieser Daseinsunmittelbarkeit als schmerzlichen Verlust. Er sucht das verlorene Paradies seiner Kindheit. Da scheint ihm der Rausch die Möglichkeit solchen Aufgehens in einer neuen Wirklichkeit zu eröffnen. Das eben macht den dämonischen Reiz des Rausches aus. Nach jeder Hinsicht erfährt das Erleben im Rausch eine ungeahnte Ausweitung. Die geringfügigsten Dinge, außerhalb des Rausches bedeutungslos und nichtig, nehmen im Rausch eine unendliche Gewichtigkeit an und können den Menschen stundenlang in ihrem Bann halten. Damit erreicht also der Erwachsene wenigstens für Augenblicke und Stunden, daß das Distanzerlebnis, das ihn nie ganz zur Welt hingelangen ließ, rückgängig gemacht wird. Gerade dann, wenn der erwachsene Mensch die ihm aufgegangene Abgründigkeit seines Lebens mit seiner Todesverfallenheit nicht mehr sehen mag, wenn ihn die Zerspaltenheit und Unwirklichkeit seines Lebens bedrückt, stürzt er sich in den Strudel des Rausches, um den geheimen Stimmen seines Innern zu entgehen. Für Augenblicke kann die Dämonie des Rausches dem Menschen vortäuschen, dem eigenen Ich entronnen zu sein, den individuellen Ichbesitz, die Eingeschlossenheit des Menschen in sein Selbst zu verlieren. Die Grenzen von Ich und Welt scheinen sich aufzulösen; das Ich scheint in den Lebensstrom des Alls auszufluten. Seines geistigen Selbstandes mit seiner Verantwortung überdrüssig, versucht es, dieser Last in magischer Verzauberung ledig zu werden. Dadurch wird es verständlich, daß gewisse Rauschformen zu pantheistischer Pseudomystik hinneigen.
Da der Rausch in einer wirbelnden Erregung aller Leidenschaften besteht, so werden natürlich die am leichtesten ansprechbaren zuerst und am meisten geweckt, vor allem die sexuelle Libido, so daß im Rausch oft genug alles um das Erotische und Sexuelle kreist. Gerade hier scheint sich dem Rauschverfallenen ein Weltgeheimnis zu entschleiern. Im Liebesleben scheint eine wirkliche Ekstase = Ekstase, ein Heraustreten aus den Schranken des Ich zu geschehen. Daß der perverse sexuelle Rausch zur pseudoreligiösen und pseudomystischen Ekstase hinneigt, zeigt die Religionsgeschichte mit dem nicht seltenen Kult der Sexualorgane.
Mag das Ziel des Rausches für Augenblicke erreicht scheinen, es ist - so weiß Baudelaire aus schmerzlicher Erfahrung - nur eine Illusion. Zu jedem Rausch gehört der »Kater«, die Ernüchterung. Sucht der Rauschverfallene der Abgründigkeit des Lebens und der Verpflichtung zu entgehen, so kann doch die Unruhe, die Erinnerung an die Pflicht, wie eine Schiffsglocke durch die Trunkenheit gellen und das Vergnügen vergiften. Ja, es können im Rausch Angst und Verzweiflung unerhörte Formen annehmen. Die Erkenntnis der nüchternen Zeit: Es gibt im Rausch nichts wirklich Übernatürliches, seine Halluzinationen sind unecht, die Dinge werden nur übertrieben und verzerrt reflektiert: diese Erkenntnis stört und zerstört den Genuß des Rausches. Mag Haschisch das Leben mit einem magischen Lack überziehen, solcher Lack hält nicht, splittert ab und läBt die darunterliegende Alltäglichkeit besonders trivial erscheinen. Dabei ist die geistige Persönlichkeit des Menschen in alle vier Wände zerstreut; eine unendliche Mühe kostet es, sie wieder zusammenzubringen und zu konzentrieren. Die Strafe des geistigen Todes ist über den Rauschsüchtigen verhängt; eine unerhörte Ode und Leere ist die unausbleibliche Folge.
Der entscheidende Grund aber, den Baudelaire gegen den Rausch anzuführen hat, ist die erschlichene Gottähnlichkeit des Süchtigen, der sich aus eigener Kraft das » Paradies« verleihen will. Im Rausch glaubt der Mensch im eigenen entfesselten Ich eine unerschöpfliche Quelle dionysischen Lebens aufgebrochen zu haben. Der Traum der Gottähnlichkeit aber zerplatzt wie eine Seifenblase, wenn die endlichen psychophysischen Kräfte verbraucht sind und die Ernüchterung unvermeidlich ist. Deutlicher als er es getan, konnte Baudelaire das Wesen des narkotischen Rausches als dämonische Umnebelung der Wirklichkeit und trughafte Selbsterhöhung zur Gottgleichheit nicht herausstellen. Der Rausch in seiner VollForm ist Pseudo-Religion.
In Weltgeschichte und Weltpolitik haben Rauschsucht und Rauschgifte eine große, oft verheerende Wirkung gespielt. Wohl kannten die Völker Asiens und Afrikas schon vor ihrer Berührung mit dem Westen den Alkohol. Seit vielen Jahrhunderten erfreute er sich großer Beliebtheit und fehlte kaum bei einem Feste. Indes kam es zu einem Alkoholismus verheerenden Ausmaßes unter den Völkern Asiens und Afrikas meist erst nach einer engeren Berührung mit dem Westen.
Von ihm erlernte man die Herstellung stärkerer und verderblicherer Alkoholarten. Vor allem aber war es der Import Alkohol, womit die Völker Asiens und Afrikas überschüttet wurden.
Unmäßiger Genuß von stark alkoholischen Getränken - gelegentlich mit 60 bis 70 % Alkohol - führte ganze Völker zu Armut, Elend und Laster, die an die Lebenssubstanz eines Volkes greifen. Im Jahre 1872 baute ein Amerikaner in Yokohama die erste Bierbrauerei Japans. Achtzig Jahre später, also im Jahre 1952 produzierte Japan selbst 3 568000 Hektoliter Bier und übertraf damit die Jahresproduktion des einheimischen Reisbranntweines [Sake] um 227000 Hektoliter. Wurden früher starke Liköre aus Amerika und Europa eingeführt, so ging Japan in den letzten Jahrzehnten dazu über, sie in eigener Produktion herzustellen. Im Jahre 1930 produzierte es rund 12 Millionen Hektoliter Sake. Schon 1923 wurden für alkoholische Getränke fünfmal mehr ausgegeben als für das gesamte Erziehungswesen.
In einem Bericht von Scharffenberg heißt es: »Wegen der sozialen Stellung, die ihm zugestanden wird, ist das Trinken außerordentlich populär geworden. Mit seiner Legalisierung wurde der Alkohol gesellschaftsfähig und ist jetzt bei vielen Gesellschaftsklassen Mode. Sake wird heutzutage bei jeder >Party< serviert ... Auch unter Frauen ist das Trinken allgemein geworden. Bierhallen und Nachtklubs sind überall wie Pilze aus dem Boden geschossen und bilden ein ernstes Problem.« Da der alte Shintoismus, die bisherige Volksreligion, die gegenwärtig im Schwinden ist, keine Sittlichkeit enthält, vermag der Alkoholismus in Japan voll seine verheerenden Wirkungen auszuüben. Wenn Japan heute das Land in der freien Welt ist, das die meisten Selbstmorde hat, so trägt daran sicherlich der Alkoholismus einen großen Teil der Schuld.
Ein führender Christ Japans, Toyohiko Kagawa, der fast 15 Jahre in den Shinkawa-Slums von Kobe unter Gestrandeten und Unterdrückten gearbeitet hat, bezeichnet den Alkohol als den »tödlichsten Feind Japans« und als die » zweifellos kostspieligste Sünde«. In seinem Bericht schreibt Scharffenberg weiter: » Meine Besuche bei hohen Regierungsstellen, Polizeipräsidenten in den Hauptstädten, Rektoren an Universitäten und bei führenden Geschäftsleuten, einschließlich dem Präsidenten der Handelskammer, zeigten mir, daß sich diese Persönlichkeiten beunruhigt fühlen und darauf drängen, daß eine starke Bewegung ins Leben gerufen werde, die diese Flut von Trunkenheit bändigen könnte.«
Noch in jüngster Zeit wurde auf die Philippinen trotz hoher Schutzzölle amerikanischer Alkohol [Whisky, Brandy] in großen Mengen importiert. Zu den Opfern der eingeführten Getränke gehörten vor allem die Studenten; Mangel an Leistungsfähigkeit, Disziplinlosigkeit, Raufereien und Unsittlichkeit waren die Folgen.
Einen wirklich verheerenden Einfluß hat der aus den kapitalistischen Ländern importierte Alkohol in Indonesien gehabt. Ganze Inseln sind dort durch ihn verwüstet, ganze Christengemeinden durch ihn verdorben worden. Nach westlichem Muster entstanden im Lande selbst Brauereien und Brennereien, die einen besonders giftigen Fusel herstellten. Wegen ihrer Einnahme aus Zöllen und Steuern war die frühere Kolonialregierung an diesem Alkoholhandel interessiert und wünschte nicht, daß der Alkoholismus von den Missionaren bekämpft würde. » Die Bewohner der Insel Halmareia waren nahezu daran, christlich zu werden, da kam die Alkoholflut und verdarb die Leute moralisch ... Der Missionar, der die abgelegene Insel Rothi mit ihren Christengemeinden alle zwei Jahre besuchte, traf die ganze Gemeinde betrunken an, weil inzwischen Schnapshändler dort ihre Ware abgesetzt hatten« [Anstein].
Besonders verderblich hat das schlechte Beispiel der weißen Herren gewirkt. Fast alle Feste in den Kolonien endeten mit einem ausgelassenen Trinkgelage. Die einheimischen Fürsten folgten nur zu willig diesem Beispiel; bald flossen auch bei ihnen Kognak und Branntwein in Strömen wie bei den Weißen. So kann es nicht verwundern, wenn Einheimische die bittere Klage an die Missionare richteten: »Warum wollt ihr uns zu Christen machen, wo ihr Weißen doch noch tierischer seid als wir?«
Oft wird die Frage gestellt, weshalb die christliche Mission in Indien trotz jahrhundertelangen Einsatzes so wenig Erfolg erzielt. Verständlich wird der Mißerfolg, wenn man bedenkt, wie sehr die Anstrengungen der Missionare durch westlichen Kapitalismus und Kolonial-Imperialismus wieder vereitelt wurden. Man schuf künstlich Bedürfnisse So nötigten europäische Mächte Siam Verträge auf, durch die es der Überschwemmung mit Alkohol und Opium schutzlos preisgegeben wurde. Als die Engländer Burma annektierten, hielten sie das burmanesische Verbot des Handelns mit Alkohol nicht aufrecht. Nach Indien wurden ungeheure Mengen alkoholischer Getränke aus Europa eingeführt oder unter der Kolonialregierung im Lande selbst hergestellt. Im Alkohol sah die englische Kolonialregierung eine willkommene Steuerquelle, deren Einnahmen vor allem zum Bau von Schulen verwendet werden sollten. Ghandi verurteilte eine solche Einnahmequelle als unmoralisch. » Lieber sähe ich« - erklärte er - » Indien im Zustand der Armut, als Tausende von Trinkern in unserer Mitte. Lieber sähe ich Indien ohne Erziehung, wenn dieser Preis gezahlt werden müßte.« Inzwischen ist das selbständig gewordene Indien darangegangen, den Alkohol aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Noch immer freilich werden große Mengen Alkohol eingeführt.
Mehr als in den anderen Missionsländern ist der Alkoholismus für Afrika eine Lebensfrage der Mission. Auch hier ist es der Weiße gewesen, der dem Lande das Laster der Trunksucht aufgedrängt hat. Schon bei der Jagd auf » schwarzes Elfenbein« spielte der Alkohol eine schmutzige Rolle. Skrupellose Menschenhändler schleppten arglose Neger, nachdem sie sie betrunken gemacht hatten, auf ihre Sklavenschiffe und lehrten ihre schwarzen Helfershelfer das gleiche » Handwerk«. Ist heute der Sklavenhandel verschwunden, so ist doch das Laster der Trunksucht geblieben.
Zu Beginn der Kolonisierung wurde nur wenig Alkohol eingeführt. Der armen Bevölkerung fehlte das Geld, sich ihn zu kaufen. Doch bald fabrizierten die Handelsunternehmen an der afrikanischen Westküste einen minderwertigen Alkohol, den sie zu billigen Preisen auf den afrikanischen Markt warfen. Von da ab ging es unaufhaltsam abwärts, so daß der Alkoholismus in Afrika heute ein geradezu verheerendes Stadium erreicht hat. Selbst in den letzten Jahren ist der Alkoholimport immer noch in die Höhe gegangen. Stieg in den französischen Kolonialgebieten der Import an lebenswichtigen Nahrungsmitteln im Laufe von zwölf Jahren um reichlich das Doppelte, so der Import an Alkohol um mehr als das Achtfache. Einem an die UNO eingereichten Bericht von I953 ist zu entnehmen, daß in Togo innerhalb von sieben Jahren der Branntweinimport auf etwa das Zehnfache angestiegen ist. Welche demoralisierenden Wirkungen dadurch auf das gesamte Leben der Bevölkerung ausgeübt wird, kann man sich leicht ausmalen. Angesichts dieser Verhältnisse ist es verständlich, daß Anfang des Jahres 1954 die Missionsbischöfe Westafrikas in einem offenen Briefe eine ernste Warnung vor den ungeheuren Gefahren des uneingeschränkten Alkoholimportes an den französischen Hochkommissar richteten und erklärten, die Zukunft Afrikas sei durch den Alkohol ernsthaft gefährdet.
Frankreich, selbst in seinem Bestand durch den Alkoholismus ernstlich bedroht, hat den Alkoholismus als Volksgefahr nach Afrika gebracht. Es produziert jährlich rund 28 Liter reinen Alkohols pro Kopf der erwachsenen Bevölkerung und steht damit an der Spitze der europäischen Länder. Italien folgt Frankreich mit etwa der Hälfte des französischen Alkohols. Als während des letzten Krieges der Alkoholverbrauch in Frankreich wesentlich zurückging, senkte sich die Insassenzahl der Irrenanstalten um ein Viertel. Seit I945 indes ist der Alkoholismus wieder angestiegen; wieder füllten sich die Irrenanstalten, ja sie reichen nicht mehr aus. Mehr als die Hälfte aller Verkehrsunfälle in Frankreich erfolgt infolge Alkoholeinwirkung. Etwa 30 bis 40% der verurteilten Verbrecher sind Alkoholiker, 70% der Sexualverbrechen gehen auf das Konto des Alkohols.
Frankreich mit Algerien produziert weit mehr Alkohol, als es selbst konsumieren kann. Ihm liegt deshalb an einem ausgeweiteten Absatz von Alkohol in Übersee. Die Weinbauern Frankreichs stemmen sich gegen eine gesetzliche Regelung der Alkoholfrage. Als vor Jahren Mendes-France energische Schritte zur Lösung der Alkoholfrage, insbesondere zur Verminderung der Zahl von Alkoholproduzenten, unternahm, stieß er auf »Granit«. Die Regierungsverordnung, die einer Million Hausbrennern - es gibt ihrer 3 650 000 in Frankreich ! - die Konzession entziehen wollte, wurde von der Nationalversammlung aufgehoben.
Angesichts dieser Bedrohung ihrer Arbeit hielten Missionare Anfang Dezember 1954 einen Kongreß in Rom ab, auf dem sie das Thema » Alkoholismus und Rauschgifte in den Missionsländern« behandelten. Noch immer steht der Gegner des Alkoholismus bei uns in dem Verdacht, ein engstirniger Fanatiker zu sein. Wer indes das riesige von den Missionaren zusammengetragene Material sich anschaut und erkennt, daß Alkoholismus und Rauschgifte heute daran sind, junge, kraftvolle Völker Asiens und Afrikas zu ruinieren, ja, daß dieser Völkerruin auf das Schuldkonto des »christlichen« Westens geht, wird seine Meinung ändern.
Es gilt in der Tat, was Johannes Rzitka sagt: » Der Alkoholismus in den Missionsländern, vor allem in Afrika, ist einer der ärgsten Feinde für die Christianisierung. Mit Recht fragen die Missionsbischöfe Afrikas, welchen Zweck es habe, Missionare in den Schwarzen Erdteil zu entsenden, wenn der Import von Alkohol und schlechten Filmen andauere. Und welchen Sinn hat es, feierlich vor aller Welt die Menschenrechte zu proklamieren, wenn sie in aller Öffentlichkeit in so grober Weise mißbraucht werden können? Wenn irgendeine Frage dringend ihre Lösung vor dem Forum der Nationen erfordert, dann ist es die energische internationale Bekämpfung der Rauschgifte. Nur auf weltweiter Basis ist hier ein dauernder Erfolg möglich. «
In der westdeutschen Bundesrepublik hält seit Jahren der Zug zum Mehrverbrauch von Alkohol und Tabak unverändert an Das Verhältnis der Ausgaben für Alkohol und Tabak zum Volkseinkommen ist sich ungefähr gleich geblieben. Es ist die eigentliche Konstante im Siegeszug dieser Genußmittel zu immer größeren Umsätzen. RegelmäBig werden 9 bis IO % des Sozialproduktes für diese Genußmittel ausgegeben. Im Jahre I 960 wurden durch den Fiskus 5 1/3 Milliarden Mark als Steuern und Zölle auf alkoholische Getränke und Tabakwaren erhoben. Mit 7,9 Liter je Einwohner liegt der Verbrauch an absolutem Alkohol höher als zu irgendeiner Zeit seit dem ersten Weltkrieg. I9I3/I4 betrug der Verbrauch an absolutem Alkohol je Einwohner etwa 7,5 Liter. Diesen Verbrauch im letzten Friedensjahr des kaiserlichen Deutschlands haben wir nunmehr-überrundet. Insgesamt wurden I960 20,5 Milliarden DM im Bundesgebiet und in Berlin-West für Alkohol und Tabak ausgegeben.
Um nur eine Folge hier zu nennen: Ein Drittel der europäischen Verkehrsunfälle wird durch Alkohol verursacht. Das heißt, daß von den 60000 Menschen, die alljährlich in Europa bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben kommen, 20000 als Opfer des Alkohols zu bezeichnen sind.
Was eine systematische Bekämpfung des Alkoholismus schon auf nationalem Bereich vermag, dafür sind Belgien und Norwegen eindrucksvolle Belege. War seit 1830 der Alkoholkonsum in Belgien stetig angestiegen, so fiel bereits 10 Jahre nach Einsetzen seiner organisierten Bekämpfung die Alkoholkurve; nach 25 Jahren war der Genuß von alkoholischen Getränken auf die Hälfte zurückgegangen. Zu Ehren Belgiens als Kolonialmacht darf nicht unerwähnt bleiben, daß Belgien für den Kongo den Import jedes alkoholischen Getränkes mit mehr als 4% Alkohol verboten und für die Schulkinder seiner Kolonien zur systematischen Bekämpfung des Alkoholismus eine Anti-Alkohol-Fibel eingeführt hat.
Im vorigen Jahrhundert ist in Norwegen der Alkoholkonsum im Zuge einer staatlichen Beschränkung auf ein Zehntel zurückgegangen. In der gleichen Zeit ist dort die Zahl der Selbstmorde ganz beträchtlich - fast um die Hälfte - gesunken. In Schweden hingegen wurde im Jahre 1955 die Alkoholrationierung aufgehoben, nachdem Schweden 41 Jahre lang ein »halbtrockenes« Land gewesen, das heißt der Verkauf von Alkohol rationiert war. Mit Aufhebung der Alkoholrationierung stiegen sprunghaft die Zahlen von Alkoholdelikten I und Selbstmorden.
Nachdem die europäischen Völker Jahrhunderte hindurch durch Einführung von alkoholischen Rauschgetränken schwer an den Kolonialvölkern gesündigt haben, ist es an der Zeit, auch in dieser Hinsicht den unterentwickelten Völkern, die der Hilfe Europas bedürfen, durch eine vorbildliche Bekämpfung des Alkoholismus zu Hilfe zu kommen.
Im Kampf gegen die Süchtigkeit geht es nicht nur um den Alkohol, sondern auch um die eigentlichen Rauschgifte. Eines der erschütterndsten Kapitel in der Geschichte des menschlichen Lasters ist » Rauschgiftsucht« überschrieben, sind ihr doch eine Unsumme von Menschenleben und Familienglück zum Opfer gefallen.
König der Rauschgifte ist das Opium, der Saft des Schlafmohns, mit seinen Derivaten [Morphium, Heroin]. Opium wird geraucht. In dumpfen Opiumhöhlen wird das fertige Gift in vorbereiteten Pfeifen angeboten. Unheimliche Stille brütet über den Stätten des Lasters, wo regungslose Gestalten auf den Ruhebetten längs den Wänden liegen und mit stieren Blicken ins Leere starren. Langsam, aber unaufhaltsam zerrüttet das Gift Leib und Seele Der sittliche Charakter wird zersetzt. Ein süchtig Gewordener hat nur eine fixe Idee: das Gift! Seine Sucht treibt ihn zur Unehrlichkeit und zu Verbrechen. Familienväter verkaufen Haus und Hof, Frau und Kind, machen ihre Angehörigen zu Dieben und Dirnen, um sich Opium zu verschaffen.
Rascher und noch furchtbarer als das Opium wirkt das Heroin, das aus Opium gewonnen wird. Mehr und mehr verdrängt es das Opium, zumal es ohne Pfeife und Spritze genommen werden kann. Es wird von den Nasenschleimhäuten absorbiert und wirkt darum rascher.
Mehr noch als der Alkohol zerstört die Opiumsucht die sittliche Persönlichkeit des Menschen. Sie beseitigt jede moralische Hemmung, Verantwortlichkeits- und Sittlichkeitsgefühl; sie fördert Faulheit und Abstumpfung, Verbrechen und Laster; sie bevölkert die Bordelle. Wie eine Sintflut hat das Opiumlaster in Asien, vor allem in China, um sich gegriffen, wo ihm vielfach die ärmsten Schichten, Arbeiter und Kulis, hemmungslos verfielen.
Es waren die Portugiesen, welche im siebzehnten Jahrhundert die Unsitte des Opiumrauchens nach China brachten, wo bisher Opium nur als Medizin bekannt war. Wiederholt erließen die chinesischen Kaiser Verbote des Opiumrauchens und Opiumhandels. Aber der gewinnsüchtige Kapitalismus der Kolonialmächte, vorab Englands, erzwang das Einströmen des Rauschgiftes nach China. Der Opiumkrieg von 1840 ist eine Schmach für das christliche Abendland. Hand in Hand arbeitete der Krämergeist englischer Kaufleute und die Bestechlichkeit chinesischer Beamten. 1 860 wurde China gezwungen, den Opiumhandel zu gestatten. 1885 wurde der Mohnbau im Lande selbst erlaubt. Im neunzehnten Jahrhundert steigerte China seine Opiumerzeugung um das Siebzigfache. Das Opiumelend nahm grauenhafte Ausmaße an. Trotz energischer MaBnahmen vermochte die kaiserliche Regierung Chinas des Opiumelends nicht Herr zu werden. 1931 wurde die Ausrottung des Lasters beschlossen, und die zentrale Regierung unter Tschiang-Kai-schek unternahm viel zur Beseitigung des Übels. Nach ihrer Machtergreifung gingen auch die Kommunisten in China gegen das Opiumlaster vor, betrieben aber einen schwunghaften Opium-Handel mit dem Ausland.
Aus all den Zahlen und Angaben, welche ~954 auf dem Römischen Kongreß vorgelegt wurden, »starrt ein entsetzlicher Jammer und eine furchtbare Not. Die verabscheuungswürdige Gewinnsucht der interessierten Mächte und Kreise, die aus Gier, Laster und Not ein riesenhaftes Kapital zu schlagen wußten, wird eine der traurigsten Seiten menschlicher Verirrungen bleiben, vorab für einen Westen, der >christlich< genannt sein wollte. Das hohe Verdienst westlicher Missionare aber wird es bleiben, stets in vorderster Front im Kampf gegen Alkohol und Opium gestanden zu haben. Rom selbst hat seit 1830 acht Erlasse gegen das Rauschgiftlaster herausgebracht und damit kirchlicherseits ein einheitliches Vorgehen gegen das verheerende Übel gesichert« (Rzitka].
Abend für Abend tönt in Tausenden von Klosterkirchen zu Beginn des kirchlichen Nachtgebetes der Ruf des Vorbeters: »Brüder, seid nüchtern und wachsam ! Der Teufel, euer Widersacher, geht umher wie ein brüllender Löwe, und sucht, wen er verschlinge. Widersteht ihm fest im Glauben!« [I Petr. 5, 8f)]. Dieser Ruf gewinnt an zeitnaher Eindringlichkeit, da sich vielen » Christen« die Substanz des christlichen Glaubens zersetzt hat und sie auf eine andere Weise die unbefriedigten metaphysischen Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen suchen. Genannt sei hier nur der Literat Aldous Huxley, der in den letzten Jahren seinen Selbstversuch mit dem mexikanischen Rauschgift Meskalin beschrieben und in einem pseudoreligiösen Sinne gedeutet hat. Er erfuhr darin eine »Meskalinoffenbarung«. Er glaubte » die Ewigkeit des Augenblickes" zu erleben.
Unter dem ungeheuren Eindruck der erlebten » Offenbarung« des in bisher ungeahnter Eindringlichkeit aufleuchtenden Seins sinnlicher Einzelheiten neigt Huxley dazu, in dem Erlebnis eine » unverdiente Gnade« zu sehen, in dem Rausch eine »Tür in der Mauer« des gewöhnlichen Lebens, die der Mensch sonst immer vergeblich sucht, um sein eigenes Leben zu übersteigen. Noch würden die Führer des Christentums diese Tür mißachten. Mögen auch Christentum und Alkohol nicht miteinander zu vereinbaren sein, so scheinen sich ihm doch Christentum und Meskalin viel besser zu vertragen. Zwar kann es im Meskalinrausch zu einer eindrucksvollen moralischen Selbstbegegnung kommen - eine solche hat übrigens Huxley selbst nicht erlebt. Doch abgesehen von der Verwirrung des eigentlichen Glaubensgehaltes bei Huxley läBt es sich nicht abstreiten, daß der Meskalingebrauch in die Pseudomystik einer quietistischen Kontemplation mit pantheistischen Konsequenzen führt. Das Gefühl des Ausfließens in das All und das Schwinden des Sinnes für die Verantwortung der Lebensgestaltung ist mit wahrem Christentum nicht zu vereinen.
In dem Maße, in welchem der Mensch die Rückverbindung mit seiner eigenen Tiefe, seinem besseren Selbst verliert, geht er auch des Dranges verlustig, durch das Vordergründige der erlebten Welt auf die wahren bleibenden Gründe hin vorzustoßen. Statt dessen erliegt er der »fascinatio« des Erscheinenden in seinen vielfältigen Formen. Das Erscheinende wird absolut gesetzt, ob es nun die erfahrene Selbstmacht des Geistes ist, oder das erfahrene Vitalleben, oder ob es die erlebten Dinge sind. Aus dem Rausch an dem selbstmächtigen Geiste leitet sich die Philosophie des Idealismus her. Nur im blitzenden Akt des geistigen Vollzuges wird Geist »erlebt«; der darüber und dahinter liegende Wurzelgrund des Geistes, der den Aktvollzug ermöglicht, kann nicht unmittelbar »erlebt« werden. Der vom Akterleben Berauschte leugnet den nicht erlebbaren Geist, um im Tun sich selbst zu »setzen«. Im geistigen Tun soll seine ganze Existenz wurzeln. Weil der Aktualist sich nur in seinen Akten existent glaubt, stürzt er sich derart in geistiges Tun, daß er mehr und mehr der Fähigkeit verlustig geht, schöpferische Pausen einzulegen, um der Regeneration seiner Kraft von der Natur her Raum zu geben. So versagt schließlich die geschlagene Natur. Die Sucht des Tuns und Erlebens schafft den heute so oft vorkommenden tragischen Typ des sich übernehmenden geistigen Arbeiters mit seiner geistigen Überwachtheit, seiner Unfähigkeit zu schlafen, der Notwendigkeit, Reizmittel zu verwenden, um aus der versagenden Natur die letzten Kräfte herauszuholen.
Die »fascinatio«, die vom Vitalleben und den erfahrbaren materiellen Dingen ausgeht, läuft auf eine Zersetzung der Substanz der menschlichen Persönlichkeit hinaus. Denn die Rückbindung der einzelnen Erlebnisse an den Persongrund und das organisch langsame Wachsen der Persönlichkeit ist in heilloser Weise gestört. Was Bleuler als Hauptdefekt des Alkoholikers angibt, gilt für alle Vitalrauschsüchtigen. » Der alkoholische ethische Defekt besteht nicht im Verlust der ethischen Gefühle, sondern im jähen Wechsel der Gefühle überhaupt und in der Beherrschung des ganzen Menschen, seines Gedankenganges und seines Willens durch jede momentane Stimmung, durch den Affekt des Augenblicks ... Der Mangel an einheitlicher Stimmung beraubt die Alkoholiker auf den Gebieten des Charakters der Ausdauer und der Nachhaltigkeit ihrer Strebungen, und auf dem der Intelligenz der einheitlichen Zielrichtung ... Hauptsächlich in der Affektivität ist auch die Willensschwäche des Trinkers begründet, die die ernstesten Versprechen nach fünf Minuten brechen können und nirgends Ausdauer haben.«
Religiös gesehen bedeutet alle »fascinatio« durch Geschöpfe Vergötzung, Verwechslung des Kreators, auf den hin das menschliche Herz angelegt ist und in dessen Liebe es allein Ruhe für sein Unendlichkeitsstreben finden kann, mit der vordergründigen Kreatur. Eben diese irregeleitete Unruhe veranlaBt die Süchtigen, alle gebotenen Schranken zu überschreiten. Bekannt ist die Raffiniertheit, mit der sich Süchtige ihre Rauschdrogen um jeden Preis zu verschaffen verstehen. Jede moralische Bindung eines Charakters wird zersetzt. Nur die vom Unendlichkeitsdrang fanatisierte Gier des Sexualtriebes macht auch die scheußlichen Sexualverbrechen verständlich, die zum Morde des Triebobjektes führen. Jeder Versuch, die qualvolle Unruhe der menschlichen Tiefe durch Rausch irgendwelcher Art zu befriedigen, muß notwendig miBlingen, da das von der Sucht Angesprochene niemals den Anspruch zu erfüllen vermag. Daraus ersteht die unheilvolle Schisis, die einen geradezu dämonischen Teufelskreis auslöst, der - wenn er nicht irgendwo unterbrochen wird - in die Zerstörung des menschlichen Lebens hineintreibt. Die »fascinatio« erzeugt eine Anziehung, welche bei Erfahrung des Ausbleibens der Befriedigung in eine Abstoßung umschlägt, in unaufhörlichem Pendelschlag aber wieder zu neuem, mit größerer Heftigkeit unternommenen Erfüllungsversuch zurücktreibt. In diesem sich dauernd verschärfenden Pendelspiel von Anziehung und Abstoßung müssen sich die Kräfte der Menschen erschöpfen. Das Leid der tragischen Schisis kann Anlaß zur Besinnung und Umkehr werden. Freilich ist es nach Zersetzung der gesunden Kraft des hellen Willens ungeheuer schwer, sich aus den Krallen der Rauschsucht loszuringen.
In der sittlich-religiösen Entscheidungsgeschichte, die nach christlicher Auffassung das menschliche Leben darstellt, wird die Tatsache, ob der einzelne Mensch der »fascinatio« der geschöpflichen Dinge standzuhalten und durch sie zum Schöpfer durchzudringen vermag, um sich ihm in Gehorsam zu beugen, oder ob er der »fascinatio« verfällt und damit den Einbruch der Sünde duldet, zum Angelpunkt für zeitliches und ewiges Heil oder Unheil.
Das gleiche gilt für die religiöse Entscheidungsgeschichte der ganzen Menschheit. Die » civitas dei« [ = die zum ewigen Heil hingeordnete Welt] liegt in unausgesetztem Widerstreit mit der » civitas terrena« [ = die nur dem Sinnenhaften zugewandte Welt], deren Leiter die antichristlichen Mächte sind. Eben sie arbeiten ständig mit dem Mittel dämonischer Blendung. Ihr »Blend-Werk« äfft die Werke des wahren Christus nach. Die sittlich nicht gefestigte und geistig nicht gereifte Masse vermag das Talmigold des Blendwerkes vom wahren Gold der echten Wahrheit nicht zu scheiden und verfällt darum jener »fascinatio«, welche vom »Antichristen« ausgeht und der in Zeiten des Abfalls selbst viele Gläubige zum Opfer fallen. Darum ist die christliche Mahnung zur Nüchternheit nicht nur irgendeine sittliche Mahnung, die neben vielen anderen stünde; vielmehr ist sie die Grundmahnung, den Einbruch der Sünde zu vermeiden und den Weg des Heiles zu beschreiten.
Nach den gewonnenen Einsichten können wir nun sagen, daß gerade das Gegenteil des marxistischen Schlagwortes » Religion ist Opium fürs Volk« wahr ist. » Opium«, das heißt » Rausch«, ist mit jeder echten Religion unvereinbar. Denn das Wesen der wahren Religion besteht in der persönlich getätigten Rückbindung an Gott. Sie ist bei der Existenzlage des Menschen in der Sünde nur möglich in einer das ganze Leben hindurch geübten Askese der Selbstbeherrschung und Durchformung der naturhaften seelischen Antriebskräfte. Opium und Askese aber schließen einander aus.
Georg Siegmund
1962 Echter-Verlag Würzburg

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