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Eine Sammlung aus Papua-Neuguinea Samstag, 04. 02. 2012



Briefe



Watabung, 27. 2. 1968

Lieber Herr Runkel!

Mitte Februar erhielt ich Ihren Brief vom 28. 1.. Durch Frl. Dreßen waren Sie mir schon bekannt. Ich freue mich, daß einige Sachen von New Guinea Ihnen Freude machen. Dankeschön für die 40,- DM. Das Geld kam unerwartet, ich hatte nicht damit gerechnet. Wenn ich mich recht erinnere, hatten Sie schon mal Geld durch Frl. Dreßen geschickt. Das reicht nun also vollauf.

Tatsächlich wandelt sich auch hier die Zeit, und mit der Zeit die Menschen. Frühere Sitten, Werte, Kunstgegenstände verschwinden langsam aber sicher. Das Volk der Kanaken ist in vollem Umbruch begriffen, an der Küste schneller, in den Winkeln der Berge etwas langsamer.

P. Kretschmer gehört wie ich zum Bistum Goroka. Es gibt 5 Bistümer auf New Guinea. Von den 5 Bischöfen ist einer Erzbischof in Alexishafen bei Madang an der Küste. Jedes Bistum hat weite unwegsame Gebiete. So bin ich längst nicht überall im Bistum Goroka herumgekommen. Das Gebiet von P. Kretschmer kenne ich nicht. Es ist wohl mehr als 100 km von Watabung entfernt. Das bedeutet in Europa natürlich gar nichts. Aber hier bedeutet es mindestens eine Tagesreise. So eine Reise lohnt sich nicht, wenn nicht mit einer Aufgabe verbunden. Goroka ist von meiner Station 40 km entfernt. Ich gehe da alle 3 Monate mal hin zur Konferenz der Missionare des halben Bistums, d. h. die andere Hälfte geht wegen Ausdehnung und Reiseschwierigkeiten zu einem anderen Zentrum des Bistums Goroka. Dies andere Zentrum Mingende ist von meiner Station 65 km entfernt.

Die Straße von Goroka nach Mingende verläuft ca. 25 km durch meine Pfarre. Nach beiden anderen Richtungen ist die Ausdehnung der Pfarre aber noch größer. Dafür würde ich wohl 10 Stunden von einem Ende zum anderen zu wanderen haben, bei einem Auf und Ab von ca. 5000 Fuß Tatsächlich gibt es Tage, an denen ich mehr als 10 Stunden wandere hin zur Außenstation und zurück, um nur ca. 2 Stunden auf solcher Außenstation zu verbleiben für Beichten, Messe, Taufen. Die Eintragungen zeigen im Augenblick 1822 Getaufte, seit Oktober 1964.

Bisher hing die Hauptstation Watabung sozusagen in der Luft. Das Gelände der Station war noch nicht erworben. Jetzt endlich im Februar kam der Kauf zustande. Durch Vermittlung der Regierung wurden die Eigentümer ausgezahlt. Da das Gelände sehr hügelig ist, sind Leute nun dabei, einen Platz für die Kirche zu gewinnen. Auf 30 m steigt der Platz bis zu 2 m an, die nun abgetragen werden. Die Leute arbeiten mit Spaten und tragen mit Händen die Erde hin und her. Ob von der Mission her irgendeine Unterstützung dieser Arbeit kommt, weiß ich bis jetzt nicht.

Immerhin ist es schon soweit. Vor 4 Jahren war hier noch kein Katholik und niemand hätte sagen können, wann und ob überhaupt eine Kath. Pfarre Watabung entstehen würde.

Ich vermute, Sie sind noch in der Christopherus-Apotheke tätig. Ich wünsche Ihnen guten Erfolg in Studium und Beruf. Es grüßt Sie herzlich

Ihr Fr. Böven



Watabung, 20. 3. 1971

Lieber Herr Runkel!

Liebe Maria!

Einen gemeinsamen besprochenen Tape erhielt ich vor 3 Tagen. Ich bin durchaus bereit zu schicken, was ich an „Native Art“ hier erwerben kann. Werde mich also bemühen, und es ist dabei auch sicher, daß ich maches erwerben kann. Aber mit ziemlicher Sicherheit muß ich leider auch sagen, daß manches von dem, was ich bisher schickte, wohl kaum noch mal hier auftauchen dürfte. Die „moderne“ Zeit schreitet voran. Kanaken kaufen und fahren Wagen, kloppen Karten und trinken Bier. Mit Steinwerkzeugen wird nicht mehr gearbeitet. Der Halsschmuck wird im Geschäft gekauft, ebenso Farbe zur Bemalung. Das Steinzeitalter versinkt rapid. Den Übergang von alter zu neuer Zeit konnte ich gerade zu meiner Zeit hier, von 1964 bis heute deutlich beobachten. Z. B. auch die durchbohrten Münzen sind praktisch schon nicht mehr im Handel, obwohl noch gültig. Oder eine „Naka“ (Knochennadel) aufzutreiben, dürfte ziemlich aussichtslos sein. - Andere Dinge, wie Masken, Muscheln sind nicht ursprünglich hier in meinem Bereich, und entsprechend schwierig zu entdecken.

Aber mit den aufgezählten Schwierigkeiten will ich nicht schwarzmalen. Es läßt sich schon noch was herausholen. Nur wollte ich schon vorbeugen den vielleicht zu großen Erwartungen.

Wenn Ihr also selbst an Dinge interessiert seit und behalten möchtet, so verausgabt Euch nicht ein der Erwartung, daß doch noch genug aus Neu Guinea nachkommt! Wartet dann mit Ausgabe besser, bis es wirklich wieder neu angekommen ist.

Ich werde mein Bestes tun. Und was tut sich heute in Köln? Meine Gratulation kommt leider etwas verspätet.

Herzliche Grüße

Eurer Fr. Böven



Watabung, 18. 4. 1971

Sehr geehrter Herr Runkel!

Ihren Brief vom 7. April erhielt ich gestern. Sie haben ja großartig Ihren Polterabend mit eine Initiative für die Mission verbunden. Herzlichen Dank.

Meine Befürchtung, nicht mehr genug an Native Art besorgen zu können, hat sich in vieler Hinsicht als unbegründet erwiesen. So erhalte ich Speere in Massen, auch viele Paradiesvogelfedern verschiedenster Farben, wie blau, grün, gelb, rot, verarbeitet zu Wedeln oder Kopfbändern.

Verschiedenes Kordelwerk, wie Netze, Mützen, Schurze, Gürtel. Die Kordeln sind aus dem „Busch“ herausgezogen.

Ketten aus Naturfrüchten, die meisten von Grassamen. Eine Kette aus kastanienähnlichen Früchten. Ich bemühe mich, davon mehr zu erhalten. Ist schwierig, weil es diese Früchte nicht unmittelbar im Bereich von Watabung gibt. Pelzwerk von Buschtieren, - als Busenzier für Frauen.

Fabrikate aus Bambus, z. B. Trinkbecher, Messer. Eine Kinderwiege, wovon ich auch noch mehr zu erhalten versuche, gearbeitet aus Blättern eines bestimmten Baumes. Diese Wiege wird mit dem Kind ins Netzt gestellt; das Netz von der Mutter auf dem Rücken getragen. Kopfbänder aus Perlmut (wobei ich nicht weiß, ob dies „Perlmut“ ist).
Solche Perlen sind nicht auf Bananenblätter aufgenäht, sondern auf eine Baumrinde. Aus derselben Baumrinde wird auch „Kleidung“ fabriziert.

Auch werde ich Steine und verschiedene Arten von Erde, die als Farbe dienen, schicken. Diese Aufzählung ist unvollständig, mag Ihnen aber eine Idee von dem geben, was in einem Dutzend (oder mehr) Paketen anrollen wird. Bisher sind 2 Pakete unterwegs, eines machte ich heute nachmittag absandfertig. Ich habe leider bisher knapp 1000,- DM ausgegeben für die Native Art, (230 Dollar). Der größte Ansturm war in der Woche vor Ostern. Offenbar brauchten die Leute da Geld für Ostern.

Sachen, die heute nicht mehr in Gebrauch sind, sind entsprechend schwierig zu erhalten. So z. B. erst 2 „ax taim bifor“, - in Watabungsprache „runa“ genannt. Erst 1 „Naka“, ist Knochennadel zum Stricken der Kordelfabrikate. Über alles, was ich schicke, werde ich gelegentlich noch einiges erklären betreffs Bezeichnung, Herkunft, Verarbeitung, Gebrauch.

Als Kostprobe ein kleines Erlebnis von heute. Nach drei Messen am Vormittag saß ich mit einer Gruppe von Leuten heir in meinem „Office“. Ein alter Mann hatte 4, nämlich je 2 kurze, strohartige Halme in beiden Nasenflügeln stecken. Die Nasenflügel sind also durchbohrt! - Oft auch von Streichhölzern. - Jener alte Mann hatte außerdem ein brezelförmiges „Schmuckstück“ in einem Ohrlappen hängen. Das Ohrläppchen ist dadurch so lang gezogen wie das gesamte übrige Ohr. Ich fragte, was das für ein Schmuck wäre. Man sagte mir, es sei ein Stück de knorpeligen Schwanzes des „yakefa“. Das ist ein katzengroßes Tier im Busch. Aus seinem Pelz wird der oben schon erwähnte Busenschmuck der Frauen hergestellt. Jenes Stück knorpeligen Schwanzes also wurde mehrfach ringförmig gewunden und hat sich der alter Mann - aber schon in seiner Jugendzeit - ins Ohr gehängt. Kein leichtes Gewicht; kein Wunder, daß das Ohrläppchen zum Lappen wurde mit fingerstarker Durchbohrung!

Ich wollte ihm das Ding abkaufen. Aber er sagte, indem die anderen lachten, er könne das Ding nicht mehr heraus nehmen, er würde sonst seinen Ohrlapp zerreißen, es sei schon seit seiner Jugend so eingehängt.

Man sieht tatsächlich viel alte Leute mit zerspaltenen, in 2 langen Fetzen baumelnden Ohrlappen. In unseren „modernen“ Zeiten stecken die Kanaken auch ihre Zigaretten in das fingerdick durchlöcherte Ohrläppchen, bzw. = lappen. Praktischer Aschenbecher. Und statt wilden Buschwerkes stecken zivilisierte Streichhölzer auf die Nase. -- Schönheitspflege!

Ihnen und Ihrer Frau
beste Grüße und Wünsche,

Ihr Fr. Böven



Weiterführende Literatur (als Einstieg):

Nikolai Mikloucho-Maclay
Bei den Papuas
Verlag Neues Leben Berlin 1986
Die Reisetagebücher des Nikolai Mikloucho-Maclay. Um 1880.

Bei den Papuas


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