 |
| Fundsituation eines Mittelsteinzeitlichen Lagerplatzes |
Donnerstag, 29. 07. 2010 |
Das hier besprochene Gebiet einer mittelsteinzeitlichen Freilandstation befindet sich etwa 8 km östlich von D-Aachen am südöstlichen Ufer eines damaligen Flachwassersees. Der Platz befindet sich heute auf einer Ackerfläche auf einem leicht nach Norden geneigten Hang zu einem Bachlauf hin. Ich habe mehrere mittelsteinzeitliche Lager rund um den imaginären See gefunden, aber sehr wenig in der Mitte desselben.

Der Boden ist der normale 30 cm Ackerboden wie fast überall im Rheinland. Darunter beginnt der feste Lößlehm. Die Bauern pflügen im allgemeinen nur 30 - 40 cm tief. Wenn der Pflug tiefer ginge, würden die Bauern den Boden verschlechtern. Also befindet sich in diesen 30 cm umgepflügten Ackerbodens alles Mögliche aus der Steinzeit (u.a.) und wird Jahr für Jahr jeden Herbst und Frühjahr umgepflügt. Die Artefakte werden vom Regen sauber gewaschen und sind für eine geübtes Auge nach etwa 3-4 Wochen nach dem Pflügen auf dem Boden gut zu erkennen. Das Material wird zwar hin und hergepflügt (charakteristisch sind sogenannte Pflugscharspuren, die Kratzer vom Eisenpflug, rostig rot auf den Steinen), wird aber über die Zeit nur unwesentlich über größere Strecken verteilt (nicht mal ein Meter). Die Lage auf dem Acker entspricht in etwa der ursprünglichen Lage des mittelsteinzeitlichen Lagers (nicht in Situ = nicht im Originalzustand).

Im Laufe von 8 Jahren habe ich mit dem Einverständnis des Landwirtes die Stelle abgesucht, bis nur noch Einzelfunde gemacht worden sind und somit der Platz sehr vollständig abgesucht wurde. Es läßt sich daraus eine relative Statistik ableiten, von Fundlage zu den Feuersteinlagerstätten (welche sich klar zuordnen lassen), zur Anzahl und Größe des Materials, die Verteilung von Werkzeug, Kernsteinen und Klingen im Gesamtkontext und die Art der Felsgesteine. Die Suche nach den Steinen gestaltelte sich so, dass ich eine Furche abging, dann auf der nächsten zurück und so weiter bis ich den Acker nach 3- 4 Stunden abgesucht hatte. Das ähnelt einem meditativen Gehen. Die gefundenen Steine kamen in eine Jagdtasche an der Hüfte. Wieder daheim wurden die Steine gewaschen, nummeriert (Fundplatznummer und Artefaktnummer) und abgelegt nach Fundplatz.
Der eigentliche Lagerplatz ist ovalförmig und etwa in der Abmessung von 20 x 30 m. Hier lagen die etwa 1228 Feuersteinartefakte und 150 Felsgesteine, welche in folgendem Beschreiben möchte.
Fundsituation im Spätherbst mit beginnendem Winterweizen. Schon zu erkennen ist ein Kernstein, freigewaschen vom Regen.

Der gleiche Kernstein aus der Erde gelöst und nach wahrscheinlich etwa 8000 Jahren das erste Mal wieder in Kontakt mit einem Menschen. So weit die heiligen Worte.

Das Steinmaterial als ganzes wiegt etwa 60 kg, davon 15 kg Felsgestein und 45 kg Feuerstein/Silex.
Das Felsgestein zählt ca. 150 Stücke, das Feuersteinmaterial etwa 1200 Stücke.
Das Hauptmaterial des Feuersteins stammt vom Lousberg in Aachen, etwa 10 km Luftlinie vom Lagerplatz entfernt. Ein weiterer Teil (78 Stück) stammen vom Vetschauer Berg, nördlich von Aachen und etwa 15 km vom Lager entfernt,. Aus Wommersom in Belgien (bei Tienen) und 110 km vom Lagerplatz entfernt, stammen 10 Stücke. Eigentlich ist das Material aus Wommersom ein Quarzit, war aber in der Mittelsteinzeit das beliebteste und anscheinend wertvollste Verarbeitungsmaterial. Dies sind die eindeutig zu klassifizierenden Silexmaterialien.

Ein Überblick über das Fundmaterial in den jeweilig zugeordneten Gruppen.

Das Felsmaterial. Wahrscheinlich ist die Menge größer, weil ich nicht alles aufgehoben habe, was mir als "Verdächtig" vorkam. Es befinden sich Quarzite darunter, Retoucheure, Polierplatten aus Sandstein, Ambosse aus Eschweiler Kohlensandstein. Ein Material ist das sogenannte Gedauer Konglomerat, ein betonähnliches hartes Gestein aus dem geologischen Umfeld Stolbergs. Man kann es sehr gut als Schlagstein benutzen. Viele der Stein haben markante Arbeitsspuren.

Rohlinge oder Platten, aus denen dann die zu benötigten Werkzeuge gemacht wurden. Alle vom Lousberg. Größere Stücke als diese kamen auf dem Platz nicht vor. Daher ist anzunehmen, das dies die handliche Transportgröße vom Fundplatz zum Lager war.

Das ist der sogenannt Abfall, also Artefakte, von Menschen bearbeitetes Material.Ca. 660 Stück, aus Lousberg-Feuerstein.

78 Stücke aus Vetschauer Feuerstein. Dieser ist schwarz und zerklüftet. War sehr beliebt in der Mittelsteinzeit.

Etwa 100 Kernsteine, die meisten aus Lousberg-Feuerstein.

Klingenmaterial, etwa 340 Stück. Dieses ist vom Material sehr gemischt und es befinden sich sowohl Werkzeug als auch Halbzeuge und Abschlagmaterial darunter.

10 Stücke Wommersom-Quarzit, darunter ein Kernstein.

6 Farbsteine, kein Hämatith. Es ist ein Rostähnliches Material, welches in der unmittelbaren Nähe in tertiären Sanden vorkommt. Die Farbe ist nicht so schön rot wie Hämatith, aber sehr ähnlich.

Beispiel eines Kratzers. Insgesamt befinden sich etwa nur 10 Kratzer im Fundmaterial.

Zwei von insgesamt nur 3 Pfeilspitzen des Fundplatzes.

Ein Amboss-Stein. Auf diesem wurde in verschiedenen Richtungen gearbeitet = siehe die Vertiefungen (Steinbearbeitung - Feuerstein).

Ein typischer Vertreter des Lousberg-Materials. Es ist durchweg honigfarben, also nicht so, wie es heute gefunden wird (rot/dunkelbraun).

Ein Kernstein, von dem Klingen abgedrückt wurden. Die Leute vom Fundplatz waren sehr gut darin, was die Qualtität der Kernstein geweist. Leider steht die Anzahl der gefundenen Klingen in Menge und Größe in keinem Gegensatz zu den vorhandenen Kernsteinen. Es sind zu wenige Klingen.

Eine Klinge.

Ein Farbstein

Ein Wommersom Quarzit. Typisch ist die braune, fettige Oberfläche. Es befinden sich kleine goldene Einsprengsel im Material. Es ist sehr seidig anzufühlen und spaltet perfekt in alle Richtungen. Sehr selten, aber immer ein gewisser Anteil auf Mittelsteinzeitlichen Fundplätzen zu finden.

Ein Rohling auf Form zurecht gehauen.

Ein Vetschauer Feuerstein.

Fazit:
Der Platz ist Mittelsteinzeitlich (etwa 6000 v.Chr.), wie die Art der hier gefundenen Pfeilspitzen und anderes Werkzeugspektrum belegen. Die Mittelsteinzeit erstreckt sich im Rheinland von etwa 8.000 bis 5.000 vor Christus. Es waren streifende Jäger-Clans, die von der Natur lebten. Wenn ein Platz nicht mehr attraktiv war, d.h. z.B. nicht mehr genügend Standwild vorhanden war, zogen die Menschen weiter.
Die Leute vom hier beschriebenen Lagerplatz kamen aus Westen, was ein paar Artefakte aus Wommersom Quarzit beweisen. Sie werden nicht unbedingt jemanden auf einen ungewissen 200 km Marsch geschickt haben, um extra ein paar Stücke Quarzit zu besorgen.
Die Belegung des Platzes war Winter/Frühling, die Leute haben ihr Material aufgearbeitet für den Sommer. Wenige Kratzer. Die Klingen, welche aufgrund der gefundenen 100 Kernstein in einer gewissen Menge vor Ort liegen müssten, sind weg. Die Menge an Klingen, welche vorgefunden wurden, kommen nicht an die Zahl heran. Man hat sie also mitgenommen für andere Verwendungszwecke eingesetzt.
Die Lagerstätten für das Feuersteinmaterial lagen in der Nähe. Es ist eine eindeutige Vorliebe für Lousberg-Feuerstein festzustellen. Es reichte, wenn 2 Leute mit je 10 kg Steinmaterial (was schon viel ist.) eine Tour laufen. Die Feuersteine wurden am Fundort geprüft, in brauchbare Stücke geschlagen (etwa faustgroß) und in dieser Form ins Lager gebracht.
Dies läßt den Schluß einer einmaligen Lagerplatzbelegung zu. Das gefundene Material des Lagerplatzes betrifft nur das Steinzeug. Deswegen könnte man eben denken: mein Gott, Steinzeit, nur Steine, arme Menschen. Weit gefehlt. Es fehlt der kulturelle Hintergrund, das organische Material (welches Komplett vergangen ist, Körbe, Taschen, Waffen, Behausung, Kleidung, Schmuck, hölzerne Gegenstände, Geweihmaterial, Knochen) und letztendlich die Menschen von damals in all ihren fremden Eigenschaften, tätowiert, verletzt, fleißig, neidig, unstet, in sich selbst ruhend, schweigsam, singend. Würde man in 7000 Jahren von heute an eine Cola-Flasche finden und nur diese oder mehrere, läßt dies absolut nicht den Schluß zu, das wir nur getrunken haben, bzw. kann man an einer Cola-Flasche nicht erkennen, ob wir einen Papst hatten, U-Boote fuhren, Internet besaßen. Jede Epoche unserer Menschheitsgeschichte muß für uns heutige sehr fremdartig gewesen sein und umgekehrt.
Am beschriebenen Lager hat es in unmittelbarer Nähe einen Flachwassersee gegeben und einen Bach. Das Gelände war leicht geneigt, so dass Regenwasser abfliessen konnte. Auffällig war, das die Steine oft in Linien lagen, also nicht rundherum vertreut. Das machte den Eindruck, also ob die Behausungen hintereinander in west-östlicher Richtung standen. Die Kernsteine lagen zum großen Teil südlich des Lagerfeldes, als ob diese dorthin deponiert wurden. Die meisten Klingen gefanden sich im Zentrum. Die Pfeilspitzen lagen eher östlich des Zentrums. Fast alle Wommesom-Quarzit lagen nördlich des Zentrums, auf den Bach zu.
Die Steine bringe ich wieder zurück und verteile sie an der gleichen Stelle, wo ich sie gefunden habe. Sähe Zwietracht für kommende Generationen. Der nächste Sammler, Archäologe oder Mensch, wird nummerierte Steine aus der Steinzeit finden. Good luck, fellows. As times goes by.
P.S. Was ich entgegengesetzt den Gerüchten einiger Experten nicht gemacht habe, sondern den ganzen Verhau dem RAB überlassen habe. Gott vergelts.
Weiterführende Literatur:
Göttinger Typentafeln zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas
Mesolithikum / Thomas Lehmann
Göttingen 1001


©2010 | Blumammu
|
|
|