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Kult kommt von Kultur oder umgekehrt? Donnerstag, 29. 07. 2010

Das Raffelsbrand-Experiment






Dieses Experiment fand in einem Jugendwaldheim bei Düren/Raffelsbrand statt. In einen leeren Raum wird in eine Ecke ein Fernseher gestellt. Das Gerät ist ausgeschaltet bzw. ist nicht an das Stromnetz angeschlossen. Wichtig ist die Platzierung in eine Raumecke mit der Bildschirmfläche zur Raummitte.

Jetzt läßt man Jugendliche unbestimmter Zahl in den Raum (ohne Vorankündigung) und diese können sich zwanglos platzieren.

In fast allen Fällen setzen sich die Menschen vor den Fernseher, ausgerichtet auf den leeren Bildschirm.







Wiederholt man das Experiment ohne den Fernseher, also nur mit einem leeren Raum ...

... kommt die Gruppe in den Raum ...

und setzt sich meist in einen Kreis zusammen.



Was sagt uns das? Aus der Archäologie gibt es Fund-Beispiele von Gegenständen, welche nicht einzuordnen sind in ein normales Zeit-Gefüge und so schnell zu Kultgegenständen deklariert werden. Eine Coca-Cola Flasche ist da eindeutig = ein Behältnis für Flüssigkeit, dennoch ein Fast-Kultstatus in unserer heutigen Epoche. Wissen das die Archäologen der Zukunft? Sie werden es ahnen, weil die Dinger weltweit verteilt sind und eine Leitfossil unserer Zeit werden. Zeigt eine Cola-Flasche, das wir den Papst haben, U-Boote, Internet und zum Mond fliegen können? Nein.

Das oben gezeigte Experiment zeigt eine Erwartenshaltung. So etwa wie das Kino. Ein Raum, ein Gerät, welches Bilder und Töne erzeugen kann, aber noch nichts tut. Es ist aber da. Und wir setzten uns davor und warten mal ab. Irgendwie tierisch, instinktiv. Wir kennen das von zuhause, aus unserer Kindheit. Wohnzimmer sind so aufgebaut. Was werden Archäologen der Zukunft von den gefundenen Kinosälen denken? Kult? Versammlungsplätze? Klar. Haben die Menschen dort gesungen, einem Gott gefrönt, haben sie dort Kulthandlungen ausgeführt?

Viele Wohnungen sind schon so eingeteilt, das der Fernseher eine dominante Stellung einnimmt, oft mehrere Fernseher in verschiedenen Räumen. Es wird morgens geschaut, nachts, tagsüber und sonst auch bei duschen. Mit dem Handy, mit dem Computer und im Weltall. Wir sind eine Bildergesellschaft geworden und glauben, was wir glauben, zu sehen oder zumindest, was man uns vormacht in diesen Bildern und Textchen. Gefährlich, nicht wahr? So wie Zauberer und Gaukler. Aber es ist Kult. Religion. Feuerersatz. Lebensersatz. Droge. Sedierend. Zeitvertreib ... virtuell und ein Nichts.

Aber wir lieben die Bilder und sind es langsam auch selbst, Abbilder von Abbildern, Abklatsche der Vorbilder und ein Bilderbürgertum. Bücher erfordern zumindest ein Maß an Bildung, eine Aktion, ein Denken. Die Handlung passiert hier im Kopf. Bücher können gefährlich sein. Bewegte Bilder anschauen ist wie essen mit leeren Löffeln. Kinder haben bei Terminen mit mir ernsthaft gesagt: "Ja, sie wüßten, wie Feuermachen geht, sie hätten es schon im Fernsehen gesehen. Ich brauchte das nicht mehr vormachen!". O.k. Warten wir's ab ... wie wollen diese Kinder dann die zukünftigen Kinder machen?



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