Blumammu.de > Vorwort
 Blumammu  Programm  Ressourcen  Infos  Angebote 
Sitemap   Impressum
Termine   Kontakt
 

Vorwort Sonntag, 05. 09. 2010



DIE STEINZEITLICHE TECHNIK UND IHRE BEZIEHUNGEN ZUR GEGENWART



Dem Titel ist die Ergänzung hinzugefügt: „Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeit". Nach der Auffassung des Verfassers reicht die organisierte Arbeitsteilung, als Merkzeichen der beginnenden Zivilisation, sehr viel weiter in die Steinzeit zurück, als angenommen wird. Man behauptet, daß die Begriffe Zivilisation, Metallzeit sich mit „technisch" decken und setzt den Beginn dementsprechend für das Abendland an das Ende des Neolithikums, welches ungefähr mit dem Jahre 2ooo v. Chr. abschließt. Tatsächlich aber reichen die organisierte Nahrungsmittelproduktion, Handwerk und Fabrikation weiter zurück als die Metallzeit. Mindestens die neolithische Kulturphase und die Renntierzeit mit der ausgedehnten Stein-, Knochen-, Holz-, Bast- und Fellindustrie müssen einbezogen werden, wie nachfolgend nachgewiesen werden soll.

Wir werden versuchen, den Feuerstein selbst reden zu lassen, und wollen darstellen, wie derselbe bergmännisch gehoben worden ist, wie technologisch seine Verwendung sich entwickelt hat, bis die weiche Bronze, die harte Bronze, Eisen und Stahl an seine Stelle getreten sind; ferner, wie eng der Rahmen ist, welcher die Metallzeit umspannt (Schema Abb. l2 u. Abb. 13 mit dem kleinen schwarzen Quadrat), gegenüber der Million von Jahren, in denen der Feuerstein allein die Technik beherrscht hat.

In der reinen Steinzeit lassen sich die Wechselbeziehungen zwischen den Kulturphasen und der Technik leichter übersehen, als in der Übergangszeit, und es wird sich aus dieser Zeit mancher Gesichtspunkt in der Bevölkerungslehre klarer hervorheben lassen.

Zunächst registrieren wir die Erfahrung, daß sich alles, was wir von der prähistorischen Kultur seit mindestens 240.000 Jahren wissen, z. B. von der Chelles-Phase, zwischen Gruppen von Menschen oder Vergesellschaftungen abgespielt hat, genau so, wie es für die geschichtliche Zeit der Fall war und ist. Die Gemeinschaften, resp. das von ihnen hinterlassene Arbeitsgerät, ändern sich fortlaufend; das Gerät vervollkommnet sich fließend. Wenn eine Gemeinschaft ausstirbt, dann geht die Erbschaft von Kulturfortschritten auf eine andere überlebende Gruppe über.

Klima, Fauna, Flora und Bodenbeschaffenheit haben die großen Änderungen in den Kulturphasen gebracht mit tiefgehenden Anpassungen an das neue Milieu. Fortschritte zweiter Ordnung innerhalb der Gemeinschaften sind ebenfalls durch Anstoß von außen gekommen, durch Krieg, Unterjochung, Wanderung, in friedlichen Zeiten durch den Handel, letzteres wahrscheinlich in größerem und in stetigem Umfang.

Eins hat der zwingend von außen wirkende Anstoß nicht gebracht — das ist eine Änderung in dem Bestand an einfachstem, primitivem Arbeitsgerät, welches Mann und Frau, Herr oder Sklave sich alltäglich für den gerade vorliegenden Zweck hergestellt — improvisiert — haben.

Dieser Bestand läuft, mit relativ geringen Ausnahmen, durch alle Zeiten und alle Erdteile hindurch, als kultureller Allgemeinbesitz (im Sinne von Bastian), bis zum Erlöschen der Steintechnik. Es hängt das zusammen einmal mit dem intellektuellen Niveau des Steinzeitmenschen, weiter aber auch mit den unveränderlichen Spaltungsgesetzen für das Feuersteinmaterial, wie in Kapitel 5 erläutert wird.

Daneben hat jede der in Abb. I2 dargestellten Kulturphasen noch eigenes Gerät für feinere Arbeit, für Prunk- und Kultzwecke. Weil aber nicht alle Mitglieder der in Abb. 13 vorgeführten Vergesellschaftungen die gleiche Materialkenntnis und Handfertigkeit gehabt haben, um für die betreffende Zeit eine technisch vollendete Arbeit liefern zu können, muß es besonders befähigte Mitglieder gegeben haben, welche den Feuerstein besonders geschickt bearbeiteten, während andere Mitglieder die anderen Bedürfnisse beschafften. Auf erfolgte Anregung von außen konnten diese Spezialisten neue Geräteformen erfinden, z. B. für die Verwertung neuer Jagdtiere, oder sie haben fremdes Gerät nachgeahmt, oder auch dasselbe geändert und durch solche Änderungen der betreffenden Kulturphase ein Lokalkolorit gegeben.

Bereits aus dem Paläolithikum liegen Anzeichen vor, daß es Handwerker, Krieger, Priester, Kaufleute gegeben hat, wahrscheinlich zunächst noch im Nebenberuf. In der Solutreen-Phase haben sich begnadete Steinschlagkünstler hervorgetan durch Arbeiten, die zu den besten gehören, die der Mensch liefern konnte, ähnlich wie in gothischer Zeit innerhalb des Kunstgewerbes. Die treibende Kraft zur Kulturübertragung über weite Strecken hin hat aber nicht in diesen Individuen gelegen, sondern in den Berührungen der großen Gruppenverbindungen.

Innerhalb der Kulturphasen hat es lokale Kulturzentren mit reich entwickeltem Steininventar gegeben; an der Peripherie wird das Inventar einfacher, ärmlich.

Von dem Unterschied kann man sich ein Bild machen, wenn man die heutigen Verhältnisse zwischen Stadt und Land in Vergleich setzt. Gewisses feines Gerät gelangt gar nicht in die entfernten Niederlassungen derselben Kulturphase und gleicher Menschengruppen. Aber auch nahe beieinander werden das primitive und das bessere Gerät gefunden, - wie heute noch die Spindel neben der Spinnmaschine, die primitive Handtöpferei und die Steingutbrennöfen, der Dreschflegel und die Dampfdreschmaschine. Solche Zentralen mit Hinterland sind in dem Schema Abb. I3 angeführt; ob aber Moustier, Solutre, Schussenried usw. die wirklichen Zentralen waren, das wissen wir heute noch nicht.

Die letzten IO Jahre haben für Europa eine gewisse Klarheit in die Chronologie der Steinzeiten gebracht. Umfangreiche Querschnitte durch diluviale Kies- und Lehmlagen, sowie durch den Boden von Höhlen, von abris-Wohnstätten stimmen so weit überein, daß die regelmäßige Wiederkehr und Überlagerung der in den beiden schematischen Abb. S. 20 und S. 21, Spalte a bis i aufgeführten Kulturphasen als allgemein anerkannt gelten kann. Die Untersuchungen von Penck und Geikle über die Chronologie der Eiszeiten stimmen damit überein.

Von den vielen Fundstätten mit mehrfacher Überlagerung Ton Industrieschichten seien hier nur angeführt:

Die Exploitation Helin bei Spiennes in Belgien, untersucht 1902 von Rutot.

Die Kiesgruben in den Schotterterrassen von St. Acheul bei Amiens, durch Commont seit I892.

Die Lößablagerungen bei Willendorf in Mähren mit 9 Industriehorizonten (durch Szombaty, Obermeier u. a., 1908).

Die Höhlen- und abris-Wohnstätten von Le Moustier (B o u r l o n),

Grimmaldi, Altamira (B r e u i l); La Quina (H. -M a r t i n 1905). Wildkirchli (B ä c h l e r), Schweizersbild und Thayingen (N u e s c h), Sirgenstein (R. R. Schmid I9IO).

Die weiteren Belege sind zusammengestellt bei J. D e c h e 1 e t t e, Manuel d'archéologie. Paris I908.

Die chronologische Reihenfolge der Kulturphasen überhaupt ist seit dem Jahre I836 durch Thomson - Kopenhagen auf technologischer Basis errichtet. Wir verdanken das in erster Reihe der Paläontologie, der jungen, im Jahre I839 durch Boucher de Perthes begründeten und seitdem fröhlich aufstrebenden Wissenschaft, welche jeden Tag eine Bereicherung erfährt durch neue Funde und neue Gesichtspunkte; es sind deren bereits so viele, daß auch die Skeptiker unter den Historikern darin mehr als bloße Amateurleistungen sehen. Die Erfolge der französischen Forscher sind anerkannt. Seit den Grabungen von Schliemann in Troja hat sich auch in Deutschland die Lust zur Mitarbeit eingestellt. Die Ethnographie, die Geologie, die vergleichende Sprachwissenschaft und andere Grenzgebiete haben Anschluß gefunden. Verfasser unternimmt nachfolgend den Versuch, auch die Technologie noch mehr heranzuziehen.

Bei Gelegenheit der Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft 1912 in Weimar soll im Städtischen Museum in Weimar von diesem technologischen Standpunkt aus eine übersichtliche Zusammenstellung von der Entwicklung der steinzeitlichen Arbeit vorgeführt werden. Zahlreiche Forscher haben das schon früher getan. Als neu ist hier auch das primitive AIltagsgerät neben den „belles pieces" in den Schmuckkästen der Museen, berücksichtigt. Dasselbe wird überall gefunden, wo man ernstlich danach sucht. - In den Museen ruht es zum Teil in den Vorratsräumen, hier tiefer begraben als früher im Schoß der Erde. Diese Schätze müssen, wenn sie überhaupt gesammelt sind, nochmals gehoben werden, um an ihnen die Geheimnisse der Technik zu ergründen. Angefangene und umgearbeitete Fundstücke lehren mehr als die Prunkstücke.

Den Kritiker ersucht der Verfasser, nicht eher gegen etwaige Fehlgriffe in dem nachfolgend Gebotenen vorzugehen, als bis er die ethnographischen und die Gewerbe-Museen besucht und verschiedene Lehrstunden bei Handwerksmeistern genossen hat. Auch den Feuerstein muß er selbst bearbeitet und so einige seiner verborgenen Eigenschaften ihm abgelauscht haben. Daß Vorsicht und Kritik geboten sind, empfindet der Verfasser selbst, weil „wir alle -nicht dabei gewesen sind", als der Steinzeitjäger sein Werkzeug herstellte (Mitchell, The past in the present, 1880), und „weil es immer eine leichte, aber nicht zuverlässige Sache ist, aus späteren Verhältnissen auf frühere zurückzuschließen" (Much, Die Kupferzeit, 1893, S. 289). Als Paläontologe von Fach betrachtet sich Verfasser nicht; aber er hat geübte Handwerker mit den betreffenden Modellen wirklich arbeiten und ihr Urteil abgeben lassen.

An dem Zustandekommen der Schrift ist eine Reihe von Fach-Paläontologen durch Belehrung beteiligt. Den Herren Rutot, Verworn, Bonnet, Goetze, Breuil, Bourlon, 0. Hauser, R. R. Schmidt, Haake, Sturge, „ Moorehead u. a. besten Dank an dieser Stelle.

Ebenso den Herren Kunstmalern 0. Herfurth in Hamburg, Metzeroth und Polser in Weimar, v. d. Steinen in Berlin u. a. Herr Kustos 0. Möller vom Städtischen Museum zu Weimar hat in jedem Abschnitt der Schrift Beistand geleistet.

>>Inhaltsverzeichnis




©2010 | Blumammu