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Kapitel 1.3 Samstag, 04. 02. 2012



DIE STEINZEITLICHE TECHNIK UND IHRE BEZIEHUNGEN ZUR GEGENWART



Die Anfänge der Steinbenutzung, die Eolithen.

Das Schema Abb. 13 ist eine Erweiterung des Schemas von Abb. 12 in Bezug auf die Phasen der Technik. Die Reihe beginnt mit den Archäolithen von Max Verworn. Daran schließt sich die von G. u. A. de Mortillet aufgestellte französische Chronologie für die paläolithische Kultur, welche seit 1903 mit wenigen Grenzregulierungen in Geltung ist, auch in Deutschland. Die ausgesuchten Bilder in Abb. 13 stellen Reifeprodukte der Arbeitsmethoden, lebensfähige und bleibende Fortschritte der Technik dar. Manche der neuen Formen mögen geradezu umwälzend in die Technik eingegriffen haben. Wir haben heute bei den unendlich rascher sich abwickelnden Neuerungen für die langsam vorschreitende alte Technik keinen Maßstab; der Einfluß der langsam kommenden oder gehenden Eiszeiten ist in Abschnitt ~ angegeben.

Nicht aufgenommen sind in Abb. 13 die Eolithen, weil dieselben noch keine bestimmte oder wiederkehrende Form haben. Sie sind hervorgegangen aus rohen Steinsplittern, wie sie entstehen, wenn ein Feuersteinknollen hart aufschlägt oder wenn den Knollen ein Druck oder Schlag trifft. Das gewollte Zerschlagen des Knollens von Seiten des Menschen gehört bereits dem Beginn der Technik, der archäolithischeri Kultur an. Der Eolith ist also nur für einen gerade vorliegenden Zweck aus den herumliegenden Steinsplittern ausgesucht und nur vorübergehend benutzt worden. Die Diagnose „Eolith" stützt sich lediglich auf den Nachweis von Beschädigung durch eine stattgehabte, zielbewußte Verwendung von Seiten des Menschen. Die Professoren Bonnet und Verworn in Bonn haben 1909 die Frage an den Eolithen des Cantal geprüft.

Die Differentialdiagnose zwischen natürlicher und artifizieller Randverletzung ist in der großen Mehrzahl der Fälle nicht durchführbar. Von P. Sarasin-Basel sind die natürlichen Fehlerquellen bei Beurteilung der Eolithen durch neue Beobachtungen von Schädigungen in der Brandung des Meeres vermehrt worden (Daktolithen, Cymoklasten oder Wellenscheiben; Isifakten oder Naturprodukte in der Brandung usw.).

Die echten, von Menschen geschlagenen Artefakte (welche Verworn als Archäolithen bezeichnet) faßt Sarasin zusammen unter dem Namen Glypiolithen; wenn diese nachträglich gerollt werden, so liegt nach Sarasin eine Mischung von Artefakt und Isifakt vor.

Als älteste Glyptolithen betrachtet Sarasin die Schlagkugeln, die Protolithen, welche sowohl in der Chelleenkultur als auch im Neolithikum vorkommen. Eine zweite Serie von Werkzeugen soll ihren Ursprung nehmen von den Sprengstücken der Protolithen, die als Protoklasten bezeichnet werden. Die scharfen Kanten haben Verwendung gefunden; die Protoklasten sollen die Urform des Faustkeiles sein. In Fig. 36 und 37 seines Buches bildet Sarasin zwei Feuersteinpodoklasten von der Station La Mycoque ab. Fig. 35 soll das Bild eines podoklastischen Daktolithen aus Kalkstein geben.

Auf ein Moment, welches bisher nicht berücksichtigt worden ist, sei hier noch aufmerksam gemacht. In manchen Kreidebrüchen und Kiesgruben, besonders längs der Fahrgleise in denselben, lassen sich Pseudo-Eolithen zu Hunderten sammeln; in anderen fehlen sie. Es kann das nur von der natürlichen Spaltbarkeit des Feuersteins abhängen. Letztere ist selbst an verschiedenen Stellen derselben Grube nicht gleich. Alsd nicht einmal auf die lokale Anhäufung oder das Fehlen von Feuersteinsplittern läßt sich die Annahme der menschlichen Beeinflussung gründen.

Wir werden deshalb auf diese typologischen Feinheiten nicht weiter eingehen.

Die Lehre von den Eolithen ist s. Zt. von Professor Rutot-Brüssel ausgebaut und jüngst noch einmal zusammengefaßt worden in den Bulletins et memoires de la societe d'Anthropologie de Paris, Jubile du cinquantaire: „Un homme de science peut-il raisonnablement admettre l'existence des industries primitives, dites Eolithiques ?" - Seine Sammlungen in dem Musee d'histoire naturelle zu Brüssel sind die Zentralstelle für das Studium der Eolithen. Glänzende Serien aus allen Ländern sind hier nebeneinander aufgestellt. Der Salle de comparaison bringt das Vergleichsmaterial aller Naturvölker, die heute noch auf der Kulturstufe der Steinzeit leben. Er unterscheidet nach der Beschaffenheit der Arbeitskanten die fünf Grundformen des eolithischen Werkzeuges: percuteur, couteau, racloir, grattoir, und percoir, die zum Schlagen, Schneiden, Schaben, Hobeln und Bohren gedient haben sollen. Nähere Angaben über die Art der Verwendung als Waffe, beim Zerlegen der Jagdtiere, bei der Holzbearbeitung u. a. m. sind angedeutet. Die fünf Eolith-Grundformen von Rutot müßten, wenn sie einige Konstanz in der äußeren Gestalt hätten, bereits zu den Archäolithen von Verworn gehören. Es sind unregelmäßige Feuersteinstücke; Arbeitsbeschädigungen am Rande sollen in typischer Weise wiederkehren.

Wir nehmen die Mitteilung hier voraus, daß aus diesen Grundformen nach S. 471 der Rutotschen Schrift zwanzig Formen abgeleitet sind: Percuteur 'simple, Percuteur tranchant, Percuteur pointu, Tranchet, Pilon, Retouchoir, Meule, Enclume, Couteau, Grattoir, Grattoir double, Percoir (Hobel), Racloir concave, Racloir a une encoche, a deux encoches, Racloir a retouches du même cote, a retouches alternes, Racloir doubles a bords paralleles, a bords convergents u. a. m. Zu den letzteren bringt Rutot (S. 470) auch die mit der Schlagbeule ausgestatteten Points mousteriens in Beziehung, welche z. B. von Mortillet als Messer aufgefaßt werden.

Die jüngste französische Typologie bringt weiter noch mindestens ebensoviele Spezialformen, besonders für die Aurignacien- und Solutreen-Kulturstufe. Die Differenzierungen stützen sich immer mehr auf die wiederkehrende äußere Form; Angaben über die Arbeitsleistungen fehlen meistens.

Ob durch die Bevorzugung der Typologie das Verständnis für die Lebenshaltung in den ferneren Eiszeiten erheblich gefördert wird, kann angezweifelt werden. Einem ganz ähnlichen Reichtum, z. B. an Messerformen, begegnen wir heute beim aufmerksamen Durchmustern. des Schaufensters einer Eisenwarenhandlung. Ohne sachgemäße Aufklärung bleiben viele Stücke ebenso unverständlich wie die schier unbegrenzte Zahl von Grattoirs, Racloirs, Percoirs u. a. m. Die intimere Beschäftigung mit dem Gebrauch der Spezialformen wird erst den großen Gewinn bringen, die toten Formen gewissermaßen zu beleben.

Für die Verwornschen Archäolithen oder Sarasins Glyptolithen hat die Diagnose „Gebrauchsspur" ihre größten Schwierigkeiten. Charakteristisch ist, „daß der Gebrauch immer nur kleine Marken am Rand erzeugt, die durchschnittlich nicht größer als 1 - 2 mm sind," selten die Größe von 3 mm überschreiten. Entsprechend der Schabarbeit (oder „schabenden Messerarbeit") sind die Marken auf der der Schabrichtung entgegengesetzten Seite zu finden. Kleinere Schaber haben kleine, große Schaber haben große Gebrauchsmarken. Bei längerem Gebrauch desselben Schabers wird die Schabkante gerundet, und es folgen etagenmäßig angeordnet, immer kleinere Gebrauchsabsprengungen. Spitzen fehlen in der Schabkante. - Im Einzelfall versagen diese Kriterien in der Regel. Der Zweifler spricht alsdann wieder von Pseudo-Eolithen. Es sind von manchen Seiten auch die Verwornschen Archäolithen dahin gerechnet worden - mit Unrecht, unserer Auffassung nach. Die Einwendungen sind von Verworn selbst in der Zeitschrift für Ethnologie IV, I908, in der Arbeit über die miocäne Aurillac-Industrie widerlegt worden. Er hat 686 Schaber von neun verschiedenen Stationen des VezereTales (z. B. Le Moustier, La Micoque usw.) daraufhin untersucht, auf welcher Seite der Retuscheschlag aufgetroffen ist und gegenüber den Retuschespan ausgesprengt hat. Wir bezeichnen die glatte Absprungfläche mit der Schagbeule als Vorderseite (siehe Abb. 1O), die andere als Rückseite. Es hat sich herausgestellt, daß die Aussprengungen (Retuschen) in 95 % aller Fälle auf der Rückseite vorhanden waren. Es ist also fast immer von der anderen, der Schlagbuckelseite aus, geschlagen worden.

Wenn mit dem Schaber in der Weise gearbeitet worden ist, wie das heute z. B. der Tischler mit der Schlichtklinge tut, so ist die glatte Seite immer vorangegangen; denn die abgeschrägte Fazette greift nicht, sondern rutscht über das Werkstück hinweg. Ist mit dem Schaber geschnitten worden, z. B. Haut, so ist der glatte Schnitt an der Schlagbeulenseite des Messers erfolgt.

Weiter hat nun Verworri noch 121 Schaber der älteren Cantal-Industrie nach gleicher Richtung hin geprüft; auch hier sind 95% von der Schlagbeulenseite aus retuschiert worden. —

Durch derartige Untersuchungen wird mit der Zeit die Umgrenzung für die Archäolithen, im Sinne von Verworn, eine gesichertere werden.

Die Diagnose „Eolith" auf Grund von Brandspuren an Feuersteinsplittern stellt sich ebenfalls recht schwierig. Der Abbe Bourgeois hat für Thenay (Loir - et - Cher) 1867 zuerst darauf aufmerksam gemacht. Die Frage steht neuerdings wieder zur Diskussion (siehe Abschnitt 6).

Aus der Reihe der in Schema 13 Spalte a abgebildeten Typen von archäolithischem Gerät heben wir den Ur-Faustkeil, die Schneidspitze (nach Verworn: den Spitzenschaber) heraus, um den Weg zu kennzeichnen, der zur näheren technologischen Untersuchung in den nachfolgenden Abschnitten, eingeschlagen worden ist. Bisher sind alle mit ausgebildeter Spitze versehenen Artefakte als Bohrer bezeichnet worden. Die Versuche, mit einem solchen Originalstück oder mit einer der zahlreich angefertigten Kopien ein Loch in nasses Fell ohne Unterlage zu bohren, sind nicht geglückt; in Holz ist die Bohrerspitze alsbald stumpf geworden. Aber schneiden läßt sich damit, wenn die richtige Führung für die schneidende Spitze gefunden ist. Wenn der Glaser mit seinen Diamanten heute bei ganz bestimmter Haltung desselben das Glas ritzen kann, so hat das auch damals stattgehabt für Schneidspitzen zur Bearbeitung von Fell, Bast, selbst von Holz und eingeweichten Knochen. Wie mit dem Feuersteinmesser ein Fell wirklich zerschnitten werden kann, ist in Abschnitt 36 ausführlich behandelt.

Verworn schreibt von seinen Spitzenschabern aus Aurillac:

„Einige von ihnen, die ziemlich flach sind, und bei denen infolgedessen auch die Spitze glatt und scharf erscheint, mit sehr langgestrecktem, rhombischem Querschnitt, machen mir den Eindruck, als ob sie etwa zum Aufritzen weicher Gegenstände gedient haben könnten—wie eine Art primitiven Schneidinstrumentes.

Die Tätigkeiten des Ritzens und Schneidens können ja bei Anwendung primitiver Instrumente sehr nahe miteinander verwandt sein" (1. c. S. 43).

Verfasser nimmt an, daß mit dern archäolithischen Bohrer geschnitten worden ist, aus ihm hat sich direkt das Faustmesser von Chelles (Coup de poing) entwickelt (Abb. 13, Spalte a). Wir begegnen der Schneidspitze später noch einmal, welche in der Renntier-Zeit aus prismatischen Klingen als Schneidstichel vielfach verwendet worden ist. (Spalte 13, f.)

Auch die bisher als Schaber bezeichneten breiten muschelförmigen Abschläge, welche eine retuschierte Seitenkante haben, dürften so lange als Messer aufzufassen sein, als man noch nicht weiß, was alles geschabt worden ist.

In Abb. 13, Spalte a folgen sich von oben nach unten: der Schlagstein, die Schneidspitze, der Muschelabschlag mit Nutzbucht, der Muschelabschlag mit konvexer Schneidkante, der quer gebrochene Muschelabschlag mit einer dauerhaften, natürlichen Schneidkante an der Kante des Querbruches. Von dieser Form wird in Abschnitt 1O versucht, den Meißel und das tranchet oder das Hackmesser abzuleiten; ob mit viel oder mit wenig Berechtigung, ist zur Diskussion gestellt.

Ausdrücklich sei betont, daß wir uns in Spalte a auf der Grenze zwisehen Eolithen und Archäolithen bewegen.


Die Technik von Kent-England, Strepy-Belgien, Aurillac-Frankreich, Aegypten, Australien.
(Abb. I3, Spalte a und i.)

Die am leichtesten herzustellende und dementsprechend im Nachlaß von Wohnplätzen am häufigsten angetroffene Abspaltung ist der Seitenabschlag von der Gestalt einer Flußmuschel oder des Halbmondes; er ist breit, meist dreieckig, an der einen Seite mit scharf auslaufendem Rand versehen, an der anderen Seite — am Schloßteil der Muschel oder an der Schlagstelle für die Spaltung — dagegen verdickt (Abb. 9 u. IO). Lange schmale Klingen kommen nur ausnahmsweise im Archäolithikum vor (siehe Guide to the stone implements, British Museum I902, Abb. 7).

Die mehr breiten Abschläge sind eine Art Halbfabrikate, aus denen sich mit geringen Nachhilfen eine dauerhafte Schneidkante für das Trennen von Fell, Holz oder auch Knochen herstellen läßt. Am auslaufenden Rand ist die Schneidkante einfach vorhanden. Erleidet der Abschlag den soeben erwähnten Querbruch so sind an der Bruchstelle zwei rechtwinklige, scharfe Kanten vorhanden. Bei schiefem Querbruch ist eine dieser Bruchkanten spitzkantiger und besonders gut für Schneid - oder Schabzwecke zu gebrauchen. Eine solche Kante ist dauerhaft, was bei der dünn auslaufenden Kante des ursprünglichen Abschlages nicht der Fall ist; dessen rasiermesserartig dünne Schneide bricht bei der geringsten Einwirkung einer seitlichen Klemmung aus und ist dementsprechend für derbere oder. dauernde Arbeit nicht zu gebrauchen, es sei denn, daß mit Absicht noch mehr Retuschen aneinander gereiht werden. Die als dann entstehende Sägekante ist dauerhafter (siehe Abschnitt 8, über Retuschen).

Die Bezeichnungen: Kratzer, Schaber (racloir, grattoir), Bohrer (percoir) sind nachfolgend möglichst vermieden worden, einmal, weil die französischen Ausdrucke für Schaberinstrumente sich nicht ohne weiteres übersetzen lassen, sodann weil jedes Messer zum Schaber wird, sobald man die Klinge quer stellt, weil ferner noch gar nicht abzusehen ist, welche Objekte geschabt und gekratzt worden sind und weil endlich sich mit dem percoir, besonders mit der häufig schief gestellten Spitze nicht ohne weiteres ein Loch in Fell, Holz oder Knochen bohren höchstens ein präformiertes Loch erweitern läßt. Es sind der Hauptsache nach technologische Bedenken, an deren Beseitigung nur auf dem Wege des Experimentes und des ethnographischen Vergleiches herangetreten werden kann.

Läßt man die eigentliche Arbeitskante außer Betracht, so fällt an den archäolithischen größeren Werkzeugen auf, daß sie gut in die Hand passen. Es sind am Rücken oft alle Spitzen abgeschlagen, so daß Verletzungen der Hand nicht vorkommen können (Retouche d'accommodation nach Rutot). Am weitesten ausgebildet ist diese Richtung der Technik an dem später zu betrachtenden Faustmesser (coup de poing) aus Chelles, in dem sich Messer und Heft vereinigt finden.

Der Faustkeil

Es hat sich diese Kombination aus der Materialbeschaffenheit zwingend ergeben. Um den prinzipiellen Unterschied zwischen Stein- und Stahlmessern schon jetzt zum Ausdruck zu bringen, sind in Fig. I5—22 einige geschäftete und ungeschäftete Messer einander gegenübergestellt. Die Beispiele in Figur I6 passen schon eher zu unseren heutigen Vorstellungen über Messerführung. Abb. I6 d ist das heutige Kürschner- oder Trennmesser; Griff und Klinge sind eins, der Rücken ist verdickt für den Druck des Zeigefingers. Abb. I6c ist das gleiche Trennmesser des Korbflechters und Peitschen-Stockschnitzers in Thüringen. Abb. I7a, b sind Phantasieschäftungen von echten Gravette-Messern, die bei der FeuersteinKleinindustrie noch näher betrachtet werden (Abschnitt I4). Abb. I5b ist eine Nachbildung und Phantasieschäftung mittels einer kleinen Renntiersprosse. Abb. I7a u. b zeigen die Führung des Gravette-Trennmessers. Die Ausbuchtung am verdickten Messerrücken findet sich ebenso bei den bronzezeitlichen Rasiermessern aus harter Bronze. Die Abb. I8—22 zeigen die Messerhaltung bei den Australnegern, Abb. I8 den Schneidezahn von einem großen Nagetier, in Knochen oder Holz gefaßt, oder mit Kitt an ein Glättbrettchen befestigt. Das Instrument hat als Messer und als Stichel gedient. Abb. 22a u. b sind halbmondförmige Messer, a der Australneger von heute; b ist ein geschäftetes Weibermesser der Eskimos.

Die Archäolithen von Kent in England. Das British Museum, das Kensington-Museum für Naturwissenschaften, das Museum für geological science (Germanstreet-London), besitzen Originalsammlungen von dem Entdecker der Kent-Eolithen, von Prestwich. An dessen ursprünglicher Aufstellung ist nichts geändert worden. Die Einzelstücke gleichen den folgenden von Puy Courny bei Aurillac in Frankreich; sie sind im ganzen größer. Die meisten Museen haben ebenfalls Vergleichsstücke aus Kent, in denen bald die sogenannten Bohrer, die Schneidspitzen, bald die Hohlmesser oder Hohlschaber besonders stark vertreten sind. Eine Statistik derselben, die leicht beschafft werden könnte, fehlt leider z. Z. noch. Es geben die kleinen Vergleichssammlungen, z. B. die in Weimar, nicht das richtige Bild von den Richtlinien der Kent-Technik, wie die Originalsammlungen von Prestwich.

Den Zeichnungen in Abb. I3, Spalte a, sind deshalb Originalstücke einer guten Retuschen Sammlung aus S t r e p y in Belgien zu Grunde gelegt. Diese sind nach Abb. I2 wesentlich jünger als die von Kent und Aurillac. Dafür tritt die archäolithische Formgebung um so deutlicher hervor. Alle Typen der Brüsseler Sammlungen von Strepy sind in einer Weimarischen Kollektion vertreten.

Die Handhabung

Die Fundstücke sind von Basalt überlagert, zum Teil etwas gerollt. Es handelt sich um Süßwasser-Feuerstein von grauer Farbe, mit schokoladenbrauner Patina.

Die Archäolithen der Australneger (Tasmanier). Die Mitteilungen über die Verwendung des Steingerätes, welches die seit I876 ausgestorbenen Insel Tasmanier in Gebrauch gehabt haben, widersprechen sich. H. Ling Roth hat I899, zusammen mit hervorragenden englischen Tasmanierforschern, in 2. Auflage eine Sammelschrift erscheinen lassen, in welcher Reiseberichte angeführt sind, nach denen die Tasmanier eine Schäftung der Steingeräte nicht gehabt haben sollen. Auf 6 Tafeln sind I3 Belegstücke aus den Sammlungen von Edward B. Tylor, wie aus dem Tasmaniermuseum (Hobart) in sehr schönen Abbildungen wiedergegeben. Es sind Fundstücke, die dem Chelles-Faustmesser (Ling Ro t h, 1. c. S. I28, I37), den Schneidspitzen (Schema Abb. I3, Spalte a u. b) entsprechen.

Walter E. Roth) kommt nach jahrelanger intimer Beobachtung der noch lebenden Australneger eher zur entgegengesetzten Auffassung; er beschreibt zahlreiche Schäftungen von recht roh retuschiertem Gerät. — Inzwischen sind durch Nötling und Klaatsch so viel Fundstücke hinzugekommen, daß außer den „belles pieces" auch genügend viel primitives Gerät zum Vergleich vorhanden ist (Berl. Mus. f. Völk.; Brüssel; Brit. Mus.; Mus. Weimar usw.). Außer den 9 Steinbrüchen und den Abfallhaufen, die H. Ling Roth anführt (1. c. S. I52) sind in neuerer Zeit noch mehrere bekannt geworden.

Auf die in Deutschland und Frankreich unbekannte Arbeit von W. E. Roth sei ausdrücklich hingewiesen.

Nötling hat Tausende von Tasmaniergeräten selbst gesammelt. Er kommt in der Arbeit in der Zeitschr. f. Ethn. I9II ZU der Auflassung, daß die Tasmanier nur ein Universalinstrument—tero-watta—von unsymmetrischer Gestalt in Gebrauch gehabt haben, 60—240 g schwer, aus Hornstein (nicht Mergelschiefer, wie Verfasser irrtümlich angegeben hat, Zeitschr. f. Ethn. I909, S. 858). Das Weimarische Museum hat sehr schöne Halbmondmesser, die von Nötling zu tero-watta gerechnet werden; auch geschliffene Bachkiesel, die an Polissoirs oder Glättsteine erinnern, führt Nötling an. Seine Abbildungen (1. c. I9II, S. 645 U. 647), gleichen denen von Verwornschen Schneidspitzen. Auch Nötling hält jedwede Schäftung der tero-watta für ausgeschIossen.

Als auffallendstes Resultat der Vergleichungen ergibt sich, daß so ziemlich alle Stufen der französischen Typologie dort nebeneinander vorkornmen resp. vorgekommen sind.

Formlose, ganz roh zugerichtete, aber sicher gebrauchte Steinsplitter; breite Seitenabschläge mit primitivster Randbearbeitung (Abb. 2I); sorgfältig symmetrisch retuschierte Werkzeuge; lange messerklingenartige Abschläge (lames) (Abb. I3 und geschliffenes Gerät. Sie liegen nicht, wie in der Alten Welt, an den Arbeitsplätzen in Horizonten übereinander, welche durch Jahrtausende von einander getrennt sind, sondern nebeneinander, wenn auch verschiedenartig in Gruppen gemischt. Es widerspricht diese Art des Vorkommens der jetzt geltenden Auffassung, daß die Australier nicht aus der paläolithischen Technik herausgekommen seien. Werkzeugtypen, die an die Technik des Cantalien, Mousterien oder des Neolithikums erinnern, sind wie gesagt an Australiens Küste nicht zeitlich, wohl aber räumlich getrennt von einander gebraucht worden. Jedenfalls paßt die herrschende Typologie von Europa, speziell von Südfrankreich nicht für Australien und ebenso wenig auch für Nordamerika.

Schäftungen

Welche Zeiträume über die Kulturphasen hinweggegangen sind, haben die neuen Forschungen ergeben. Australien hat vor dem Beginn der Quartärzeit in Europa ebenfalls seine Eiszeiten gehabt; es sind Arbeitsstätten für primitives Steingerät auf Moränen etabliert gewesen. Für den Alltagsgebrauch hat der Australier erreicht, was zu erreichen war, aus Hornstein, Quarziten, Kieselschiefern. Die Arbeitskante ist auch hier so scharf, daß damit das Känguru zerlegt, Muscheln geöffnet, die Schalen zu Schmuck verarbeitet worden sind. Die Frauen haben sich damit das Kopfhaar abgeschnitten. Meist sind breite Seitenabschläge benutzt worden.

Nach W. E. Roth hat ein erfahrener Steinschläger bei IOO—IOOO Abschlägen vom besten seltensten Steinmaterial nur eine einzige lange Klinge erzielen können. Längs der Küsten hat das Rohmaterial häufig gefehlt, so daß sehr oft Muschelschalen herangezogen werden mußten.

Fellbearbeitung kommt nicht in Frage, und auch Knochenindustrie konnte sich nicht entwickeln, da nur das Känguru zur Verfügung stand. Zähne sind ausgiebig als Ersatz für Stein verwendet worden (Abb. I8 U. I9). Für den Umfang der ausgeübten Schäftung spricht, daß W. E. Roth (1. c. Abschnitt I3—I6) gegen I4 verschiedene Kittsorten kennt, aus Gummi, Kautschuk, Harz, Zement, von denen ein Teil ganz genau auf einen bestimmten Schmelzpunkt abgestimmt ist. Kleine Steinstichel, Opossumzähne haben Stiele von einem Meter Länge. (Wie in Europa mit solchem Stichel das gröbste Gerät aus Renntier- und Hirschgeweih für Lederbearbeitung hergestellt worden ist, siehe Zeitschr. f. Ethn. I9II, Nr. I )

Ulus

Rinden- und Bastbearbeitung, primitive Korbflechterei machen sich in dem Inventar des Australnegers sehr bemerklich; Töpferei tritt fast ganz zurück. Das Wasser wird in Fellsäcken und Muscheleimern transportiert. Kjökkenmöddinger sind jüngst von Klaatsch nachgewiesen worden.

Die Überleitung der Steintechnik in die rezente Metalltechnik vollzieht sich in Australien rasch. Das Verlangen nach Eisen ist heute noch so stark, daß die Australneger Pferde stehlen, nur um in den Besitz der Hufeisen zu gelangen.

Mit der ethnographischen Ergänzung der von Nötling und Klaatsch beschriebenen Fundstücke durch die W. E. Rothschen Listen stellt sich das Inventar der Australneger folgendermaßen dar: Unretuschierte, gebrauchte Steinplitter; formlose Scheiben mit zugerichteten Arbeitskanten; Hohlschaber und Halbmondmesser, öfter kombiniert; Hacken und Hämmer aus Rollkieseln, zugeschliffene Rollkiesel, aber kein geschliffenes Werkzeug; gesprengte Steine mit Spuren von Erhitzung; Bohrer und Stichel fehlen die aus einem großen Stück herausgearbeiteten Chelles- und Acheulkeile der Alten Welt, ferner die gesägten Steine; sämtliches Steingerät ist in Mousterien-Retusche (siehe Abschnitt 8) hergestellt worden mit einer glatten, unbearbeiteten Breitseite.

Die ägyptischen Archäolithen.

In den Mittelmeerländern von Afrika ist neben Feuerstein noch ein Quarzit von ganz vorzüglichen Spaltungseigenschaften bearbeitet worden.

Das Weimarische Museum ist durch Herrn Bourlon in den Besitz einer Sammlung von archäolithischem Gerät aus der französischen Sahara gekommen Das Material ist ein schöner rostbrauner Quarzit. Die Formen des Gerätes stimmen auffallend mit denen der AustraIneger aus Quarzit überein. Ein Halbmondmesser gleicht ganz dem in Abb. 22a gebotenen. Das Studium dieser Quarzitgeräte ist besonders lehrreich, als es zeigt, wie gleiche Messerformen gewissermaßen automatisch aus dem Material hervorgehen, und wie aus unvollkommen spaltendem Rohmaterial überhaupt nur archäolithisches Gerät entspringt.

Die soeben aus Kent, Aurillac, Strepy, Ägypten und Tasmanien herangezogenen Beispiele würden sich leicht noch erweitern lassen. Uber die große Verbreitung der früharchäolithischen Technik geben die R u t o t schen Mustersammlungen passende Belehrung. Man beginnt jetzt in den deutschen Museen mit der Aufstellung von Vergleichssamrnlungen, z. B. in Köln, Berlin, in bescheidenem Umfang auch in Weimar.

Von den Schlußfolgerungen, die zunächst vom technologischen Standpunkt aus sich ergeben, sei der für alle Erdteile auffallende Parallelismus im Auftreten des archäolithischen Gerätes betont. Als Grund dafür können, wie schon gesagt, nur angeführt werden einmal die zu allen Zeiten gleiche physikalische Beschaffenheit des Werkzeuges und Rohmateriales und weiter die Stabilität in der physischen und psychischen Struktur des Menschen.

Das Rohmaterial und die Spaltgesetze für Feuerstein oder ähnliche, zugfeste Gesteine sind bisher noch recht wenig studiert worden. Wir werden in den Abschnitten 4 und 5 versuchen, etwas zur Ausfüllung dieser Lücke beizutragen

Weiter fällt auf, daß die archäolithischen Grundformen bis in die jüngste Vergangenheit als Inventurbesitz der Kulturphasen aller Zeiten auftreten. AUE ihnen heraus haben sich alle verfeinerten Werkzeuge entwickelt, ohne daß sie selbst verschwunden sind. Als primitives Alltagsgerät sind sie trotz allen Fortschritte immer in nahezu gleicher Form improvisiert worden, manchmal in rohester, manchmal in sorgfältigster Ausführung. Sie sind kleiner, zierlicher geworden, als die Schäftung erfunden wurde. Erst als der Steinzeitjäger es gelernt hatte, neben den breiten Abschlägen auch lange prismatische Klingen abzuspalten, geht die vieltausendjährige Alleinherrschaft der Archäolithen verloren.

Dann werden die Geräte noch zierlicher und neue geniale Schäftungsmethoden führen die Technik auf ihren Höhepunkt. Die später zu betrachtende, auf das Höchste verfeinerte Lorbeerblatt-Technik von Solutre und Madeleine kennzeichnen diese Etappe der Steintechnik. Aber auch während dieses Hochstandes haben Künstler und ungelernte Arbeiter neben einander sich betätigt; sie haben das breite Halbfabrikat weniger, dafür das prismatische Halbfabrikat mit Vorliebe verwendet.

Wenn Rückschläge in der Kultur einer Gegend oder eines Volksstammes erfolgen, so weicht die Technik auf dieses archäolithische Inventar zurück. Krieg und Wanderungen haben dabei eine Rolle gespielt, der Hauptanstoß aber ist ausgegangen von den Klimaschwankungen, welche Anpassungen an andere Nahrung, Tiere, Kleider, Wohnstätten verlangt haben. Wenn der Mensch die Folgen der langsam sich steigernden Kälte hat überleben können, so ist er mit einem etwas veränderten Inventar in die folgende, klimatisch bevorzugte Interglacialzeit eingetreten. Dieser Tatsache begegnen wir in der Industrie von Chelles, Le Moustier, Solutre, Madeleine. (Siehe Abb. I3, Spalten a—i.) Die Not hat damals schon den Menschen erfinderisch gemacht.

Mitchell hat in seinem Buche: The past in the present I889, die Folgen der verbesserten Technik analysiert. Die vollkommenere Technik wird schrittweise von Unvollkommenheiten aus erreicht. Wird eine hochentwickelte Technik überholt durch eine Neuentdeckung, so geht die alte Kunst ebenso schrittweise zurück. Zuerst gehen die feinsten Stücke verloren, die gewöhnlichen dauern an, bis auch diese immer unvollkommener werden, wenn die nötige Geschicklichkeit zur Fortführung verloren gegangen ist. Es hat also das archäolithische Inventar die später hinzugekommenen Formen nicht nur angeregt, sondern es kann dieselben auch überdauern.

Mitchell hat ferner nach einem Maßstab für den Stand von Intelligenz und Kultur gesucht. Er sieht denselben in dem Erfolg, welchen der Mensch durch Assoziation mit seinesgleichen erreicht hat. „Was als Erfolg oder Fortschritt zu verzeichnen ist, hat sich innerhalb von Verbänden oder Assoziationen vollzogen; der Weg mag überall mit Kannibalismus, Grausamkeiten, Selbstsucht und anderen Lastern verbunden gewesen sein."

Mitchell mag Recht haben, wenn er zu den Assoziationen die Priester und Häuptlingsfamilien, überhaupt die der Gebieter über Sklaven rechnet. Einzelne Steinschlagkünstler haben für sie gearbeitet. Das ist in der Steinzeit nicht anders gewesen wie heute. Mitchell erzählt, daß I880 in einem Dorfe bei Sheffield, wo Tausende von Spindeln in den Fabriken sich drehen, im Dorfe eine Bauernfrau noch mit der Handspindel gesponnen hat; daß in Wedgewood in den Fabriken die berühmte Steingutware hergestellt und dicht daneben von der Bevölkerung das roheste Topfgerät am offenen Feuer gebrannt wird. Ähnliche prägnante Beispiele müssen sich auch bei uns noch auffinden lassen.

An solche Tatsachen muß man denken, wenn rohestes Werkzeug neben dem feinsten gefunden wird. Archäolithen werden nur ausnahmsweise durch den Handel verbreitet worden sein, höchstens in Nordamerika mit seinen wenigen Zentren für die Gewinnung von Halbfabrikaten des Feuersteins.


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