 |
| Kapitel 1.2 |
Sonntag, 05. 09. 2010 |

DIE STEINZEITLICHE TECHNIK UND IHRE BEZIEHUNGEN ZUR GEGENWART

Wie weit reichen zeitlich die Reste der Feuersteintechnik zurück?
Nachfolgend werden wir zunächst versuchen, der Frage im Rahmen einer schematischen Darstellung vom Einfluß des Klimas und der Bodenbeschaffenheit auf die Steintechnik näher zu treten. Die entsprechenden Zeiträume sind so groß, daß wir die Flächendarstellung gewählt haben (in Abb. 12), weil das übliche lineare Schema zu lang ausfällt, wenn neben der Diluvialzeit (Quartär-, Pleistocänperiode der Erdbildung) auch noch das Pliocän der Tertiärzeit in demselben Rahmen untergebracht werden soll. Das Pliocän aber mußte berücksichtigt werden, weil die Anfänge der Feuersteintechnik sogar in die noch ältere Miocänformation der Erde verlegt worden sind. Die den Quadraten des Schemas zu Grunde gelegten Ziffern haben selbstverständlich nur einen sehr beschränkten Wert. Die Geologen sind sich nur darüber einig, daß die Folgen der letzten (Würmb-)Eiszeit vor ungefähr 25.000 Jahren zum Ausgleich gekommen sind.
Seit der vorletzten großen Rißeiszeit sollen nach einer Lesart 240.000, nach einer anderen bis zu 800.000 Jahre verflossen sein. Wir haben dem betreffenden Quadrat die Ziffer 240.000 zu Grunde gelegt).
In neuester Zeit geht die Auflassung, besonders in Frankreich, dahin, daß die letzte zwischen Würmb- und Riss-Vergletscherung liegende Zwischeneiszeit eher zu groß angenommen ist. Ein Herabsetzen der Ziffer um 50.000 würde jedoch in dem Schema keine merkbare Veränderung des Quadrates bewirken.
Die noch übrig bleibenden zwei älteren Eiszeiten werden von den französischen Forschern in eine zusammengezogen. Die Ziffer 1.650.ooo, welche im Schema für die erste der ältesten Eiszeiten eingesetzt ist, soll ebenfalls zu groß sein. Das würde auch gelten für die im Präglacial mit 3 1/2 Millionen Jahren angesetzte, mit subtropischem Klima ausgestattete Pliocänepoche, a. h. für die Zeit, in der der Mensch anfing, den Stein zu benutzen. Das Flächenschema würde trotzdem auch hier seinen relativen Vergleichswert behalten.
Die Erläuterung der in Schema Abb. 12 u. 13 mit den Buchstaben ai markierten Phasen der Kultur und Technik wird im folgenden Abschnitt erfolgen (Chelleen-, Acheuleen-, Mousterien-Phase usw.). Hier gilt es zunächst, für Mitteleuropa den Parallelismus zwischen Eiszeiten und Kulturstufen festzustellen. Die Forschung hat in den letzten Jahren zu ziemlich übereinstimmenden Ergebnissen geführt. Wiegers setzt für Hundisburg bei Magdeburg das Chelleen in die letzte Zwischeneiszeit, das Acheuleen in die Übergangszeit zur letzten Eiszeit; R. R. Schmidt verlegt für den Sirgenstein und die diluvialen Kulturstätten Württembergs das Mousterien in die letzte Eiszeit; ebenso Rademacher den Beginn des Mousterien in die Ubergangszeit zum letzten Interglacial (die Primigeniuszeit), das Magdalenien in das Postglacial. Es stützt sich diese Chronologie auf die Fauna und Flora der Fundstätten. Zur Chelleen-Kultur gehören Elephas antipuus, Rhinoceros Merckii und Lorbeerbaum, zum Acheuleen und Frühmousterien E1. primigenius mit Rh. tichorrhinus und nordischen Nagetieren; zum Spätmousterien, Aurignacien und Solutreen, dieselbe kälteliebende Fauna und das Renntier. Nach der Zusammensetzung der Nagetiere werden noch Steppen- und Tundrafauna unterschieden. Wohin die Wohnplätze von Taubach-Ehringsdorf zu setzen sind, ist noch offene Frage; hier fallen wärmeres Klima und Kälte liebende Fauna teilweise zusammen.
Innerhalb des auf 25.000 Jahre abgeschätzten Postglaciales sind verlaufen die Zeit der Technik von Madeleine, sowie das Neolithikum mit seinen geschliffenen Werkzeugen (50002000 V. Chr.); die Kupfer- und Bronzezeit, das kleinste, schwarze Quadrat von 20001OOO V. Chr.; von 1OOO700 v. Chr. innerhalb des kleinen Quadrates die Hallstattzeit, von 700 bis Christi Geburt die La Tene-Zeit, von 1OO300 n. Chr. die Römerzeit, von 300400 die Zeit der Völkerwanderungen, von 400650 n. Chr. die Merowingerzeit. Beispielsweise würden die Industrie von Schweizersbild um 25.000 Jahre, der Beginn der geschriebenen Historie um 7.000 Jahre (= 21O Generationen) zurückzudatieren sein. Streitäxte sind noch im Mittelalter gebraucht worden, so von den slavischen Preußen gegen die Ordensritter, von den Schotten (I3. Jahrhundert) unter William Wallace gegen die Engländer.

Unter Berücksichtigung der soeben zugestandenen Ungenauigkeiten dürfte aus der Flächendarstellung klar hervorgehen, wie unfaßbar groß die Zeit der Steinzeitkulturen gewesen ist gegenüber der der Bronze- und Eisenkultur. - Innerhalb des kleinen schwarzen Quadrates verlaufen auch noch die Änderungen der Kultur, welche durch die Entdeckung von Amerika (I506), durch die Verwendung der Kartoffelpflanze (I580), von Steinkohle, Schießpulver (I345), Dampfmaschine (I745), der Spinnmaschine (I764), des Langformpapiers (I799), der Phosphorzündhölzer (I805) und der Elektrizität gekommen sind.
Eine zweite Vergleichsreihe ist in Schema I2 auf der rechten Seite der Quadrate für die Chronologie der Steinzeitkulturen nach dem Verwornschen Schema (1905), versucht worden. Verworn hat den Eolithen und den damit zusammenhängenden Anfängen der Technik eine andere Stellung zugewiesen, als dies von dem berühmten Geologen und Prähistoriker Professor Rutot in Brüssel geschehen ist, worüber später noch eingehender berichtet werden muß.

Die Chronologie in der letzten Spalte rechts ist die von G. u. A. de M o r t i l l e t mit einigen kleinen Änderungen. Deutlich tritt in diesem Teil des vorliegenden Schemas ein Zusammentreffen der großen Kälteperioden mit dem Wechsel der Steintechnik hervor. Daraus ist der Schluß gezogen worden, daß gerade die Erschwerung der Existenz eine bessere Anpassung an das Klima in Kleidung, Wohnung und Werkzeugen gezeitigt hat. Mit dieser Erfahrung, die später eingehender verfolgt wird, muß jedenfalls gerechnet werden, auch wenn die geologischen Ziffern und die Chronologie in Abb. 1:2 sich stark verschieben.
Mehr noch als die Vergletscherungen haben die einer jeden Eiszeit nachfolgenden Schmelzwasserfluten die Existenz der Jägervölker bedroht. Große Kiesablagerungen, bis zu hundert und mehr Meter Mächtigkeit haben die an den Wohnstätten zurückgebliebenen Knochenreste und Feuersteingeräte bedeckt oder verschwemmt. Ein späterer Gletscherstrom hat in das alte Kieslager ein neues Flußbett gegraben, etwaige jüngere Wohnstätten zugedeckt. Wir begegnen darum der auffallenden Tatsache, daß die Schotter von jüngeren Wasserfluten bald auf einer tieferen bald aber auch auf einer höheren Terrasse am Ufer liegen als die älteren Kiese. Die Einreihung von Fundstücken in die Chronologie wird dadurch sehr erschwert. Der Versuch, innerhalb des Schemas in Abb. I2 auch noch den Vergleich zwischen Klima und Fauna durchzuführen, ist unterlassen worden. Als Beispiel, wie schwer sich die Beurteilung von Bodenbeschaffenheit und Klima gestalten, wählen -wir die Verhältnisse in Thüringen. (Siehe Abb. 14.)
Es sind hier in den Tuffsteinbrüchen von Taubach, Ehringsdorf und: an der Belvederer Allee von Weimar gegen 20 Brandstätten studiert worden; es können tatsächlich 1oo und mehr gewesen sein. Die 35 cm dicken Ascheschichten enthalten zerschlagene Knochen von Rhinoceros Merckii, Elephas antiquus, vereinzelt auch von Mammut, ferner Kohle, Feuersteinwerkzeuge, außerdem noch Reste von Schlehe, Apfel und Haselnuß). Auf dem ca. 8 Wegestunden entfernten Gipfel des Thüringer Waldes fehlt jetzt diese Flora. Taubach hat heute eine Mitteltemperatur von 8,1° C; der Inselsberg von 3,8° C. Das Getreide reift in Taubach um 4 Wochen früher als im Gebirge, wo .Linde und Kastanien nicht mehr blühen. Die letzten Firnflecke verschwinden im Gebirge im Juli. Der Ort Schmiedefeld am Schneekopf hat öfter eine Schneedecke von September bis März; Winterstürme bringen zuweilen 8 Meter hohen Schneefall. Am Taubachsee haben sich die Jägerstämme wahrscheinlich nur im Sommer aufgehalten.

In dem Postglacial, innerhalb des durch das vierte Quadrat im Schema umgrenzten Zeitabschnittes, sind noch verschiedene Kälterückschläge vorgekommen, von Penck beobachtet an den Orten Achen, Bühl und Gschnitz. Damals haben sich am Strande der Nordsee bedeutende Senkungen der Erdoberfläche vollzogen, wodurch vorhandene menschliche Niederlassungen in das Meer untertauchten.
Es wird diese Tatsache hier erwähnt, weil sie wichtig ist für die Geschichte der Arbeit in der letzten Etappe der Steintechnik mit geschliffenen Beilen und Töpfereigeräten. Es soll nach der Auflassung nordischer Forscher von Norden aus die neolithische Technik gekommen sein; französiche Forscher verlegen den Anfang dieser Kunst nach Ägypten und in eine viel frühere Zeit. In dem Abschnitt über Keramik müssen wir noch einmal kurz darauf zurückkommen.
Für Süddeutschland sind die Kälterückschläge von R. R. Schmidt in Tübingen auf Grund neuester Höhlenuntersuchungen nachgewiesen worden. Jedesmal sind Steppen-Nagetiere aufgetreten, deren Knochen als Gewöll" von Raubvögeln in den Höhlen zurückgeblieben sind. Abgesehen von den Nagetieren hat R. R. Schmidt im ganzen von der vorletzten Eiszeit bis zurn Neolithikum eine einheitliche Tierwelt nachweisen können. Mammut, wollhaariges Rhinoceros, Renntier, Pferd, Schneehase kehren in allen Schichten wieder; einzelne Spezies sind hie und da selten vertreten.
Die Kälterückschläge im jüngerenPaläolithikum treffen nach R. R. Schmidt zusammen mit zwei in den Höhlen gefundenen Knochenschichten von Nagetieren, welche heute noch in den arktischen Steppen des nordöstlichen Rußlands leben. Im Laufe von Jahrhunderten hat das Gewöll der Raubvögel eine Schichthöhe von 6070 cm erreicht. Die untere Nagetierschicht ist in der Zeit zwischen Spätmousterien und Frühmagdalenien angesetzt worden; die zweite obere Schicht gehört dem Magdalenien an, enthält nicht den Lemming und die Arvicoliden der unteren Schicht, aber die Knochen von der Hyäne, dem Löwen, dem Edelhirsch.
Der erste Klimarückschlag zwischen Mousterien und Aurignacien (Schema Abb. 12) hat demnach für Süddeutschland einen Temperaturtiefstand gebracht, an den sich im Aurignacien der höchste Klimastand angeschlossen hat. In dieser Zeit sind die nordischen Tiere abgewandert; an ihre Stelle sind Waldtiere getreten, im Spätmousterien das Wildpferd, das Renntier, der Hirsch. R. R. Schmidt bringt die obere Nagetierschicht mit dem Bühlvorstoß (P e n c k) der Kälte zusammen. An diesen Magdalenien-Abschnitt soll sich das früh-neolithische Stadium der Kultur in Frankreich und Deutschland anschließen. In Skandinavien hat ein anderer Gang der Entwicklung stattgehabt, der bei der Schilderung der Verhältnisse zur Zeit der Kjökkenmöddinger berücksichtigt wird (Abschnitt 3).
Wenn, wie angenommen wird, die neolithische Kultur Deutschlands an den Ufern des Baltischen Meeres geboren worden ist, wird man die Geschichte der Steintechnik dort mit besonderer Sorgfalt verfolgen müssen.
An die Frage, ob bestimmte Menschenrassen als die Vertreter von klimatischen Verhältnissen und von entsprechenden Steinzeitkulturen angesehen werden können, sind neuerdings verschiedene Forscher herangetreten. Ausschlaggebende technologische Gesichtspunkte können z. Z. noch nicht angeführt werden. Im großen ganzen ist die Entwicklung der Werkzeuge eine fließende, wie Abb. 13 zeigt. Professor Rutot-Brüssel ist ein Hauptvertreter der Anschauung, daß die einzelnen Etappen des Fortschrittes mit Rassenverschiebungen in Zusammenhang stehen. Seine neueste Chronologie: Des restes humames quaternaires de l'Europe", umfaßt 80 hinreichend gut erhalten gebliebene Schädel, die er tabellarisch auf die Eiszeiten, die geologischen Fundstätten und die steinzeitlichen Kulturepochen verteilt hat. Um ein Beispiel anzuführen, taucht die Neandertalrasse bereits im Tertiär, im Zeitalter der Eolithen auf und hat gelebt bis zur vierten (Würmb-)Eiszeit. Die Rasse wird nach und nach von intelligenteren Rassen zurückgedrängt, zuletzt von den Moustier-Jägern ausgerottet. Der Vorgang würde sich so abgespielt haben, wie das Verschwinden des Mammut zur Zeit der Jäger von Madeleine nach der vierten Eiszeit.
Professor Rutot ist ferner geneigt, die vorgeschrittenen Industrien mit dem Zuwandern von intelligenteren Völkerstämmen in Beziehung zu setzen. Neue Menschen haben neues Gerät mitgebracht, während die alte seßhafte Bevölkerung das alte, mehr alltägliche archäolithische Gerät weiter hergestellt hat. Hat der intelligentere Teil gesiegt, so ist von ihm, wie die Geschichte lehrt, oft ein Aufschwung der Gesamtkultur erfolgt; hat ein primitives Volk gesiegt, so ist ein Manko an Kultur auf Kosten der seßhaften alten Bevölkerung und nur ein geringer Zuwachs bei den Siegern erwachsen.
Schliz-Heilbronn berichtet ähnliches von den Tongefäßen der Großgartacher Niederlassungen. In Gebrauch genornmen wurden sie, wie wir sehen werden, gleichmäßig von dem Herrn und dem Knecht. Ob dem Jäger. vom Typus Neandertal oder von Moustier, den Rund- oder den Langschädelmenschen ein bestimmter Fortschritt zuzuschreiben ist, das muß in späterer Zeit noch entschieden werden können.
Völkerwanderungen haben zahlreich stattgefunden, da das Klima den Menschen öfter dazu gezwungen hat. Haben sich auch damals schon einige Mischungen friedlich vollzogen, wie z. B. heute die Einwanderung von Polen in die Bergwerksgebiete am Rhein? Welche Rasse hat im Kriegsfall gesiegt? Wir wissen es im Einzelfall nicht.
Wir haben hier noch die Beteiligung der Frau an der Arbeit zu erwähnen. O. Th. Mason (Report of the Smithonian Society; Woman's share) hat diese Mitarbeit der Frau bei der Herstellung von Geräten zum Gegenstand einer Spezialstudie gemacht. Die Frau hat sich vor allem dem Klima anpassen müssen; denn von dem Klima hat es abgehangen, was der Mensch gegessen, womit er sich gekleidet, welche Geräte er gebraucht hat. Die Frau hat gekocht, genäht, das Haus gebaut, als Lasttier den Hausrat fortgetragen nach den neuen Wohnplätzen. Sie hat die vegetabilische Nahrung, Kräuter, Salz gesammelt, Mehl bereitet, Töpferei, Gerberei, Korbflechterei, Weberei getrieben, die Gefäße für Wasser und Fett hergestellt. Das Feuersteingerät für den eigenen Gebrauch hat sie sich wohl auch selbst herstellen müssen. Dazu ist sie noch die besondere Kulturträgerin geworden. Als Sklavin geraubt, hat sie die Handfertigkeit ihrer Mutter mitgebracht. Jede klimatische Anpassung, jeder Fortschritt in der Kultur ist ihr besonders zu Gute gekommen. Leider wissen wir noch nicht, welches Gerät der Frau und welches dem Mann angehört hat. Den Grabstock für den Hackbau, das Weibermesser lernen wir erst aus neolithischer Zeit kennen.
>>Inhaltsverzeichnis

©2010 | Blumammu
|
|
|