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Kapitel 1.1 Sonntag, 05. 09. 2010



DIE STEINZEITLICHE TECHNIK UND IHRE BEZIEHUNGEN ZUR GEGENWART



Die Reste der Feuerstein-Industrie in der Gegenwart.

Die Feuerstein-Industrie hat eine Art von Alleinherrschaft gehabt für eine Million von Jahren, bis sie heute in Europa auf einige Arbeitsplätze mit nur wenigen Arbeitern zurückgegangen ist und auch bei den Naturvölkern vor dem Aussterben steht.

Übrig geblieben ist nichts weiter als die fabrikmäßige Herstellung von Kippsteinen für Feuerschloßgewehre und Taschenfeuerzeuge. Regelmäßiger Betrieb befindet sich nur noch in Brandon (Suffolk-England), und in Porchairioux bei Meusne (Loir et Cher-Frankreich). In Galizien, dessen gelbe Flintensteine aus Podgorze und Brzeczam berühmt waren, ist die Industrie nach Erkundigungen in Agram ganz erloschen, ebenso hat der Betrieb in Arlona-Albanien in jüngster Zeit aufgehört.

In Deutschland hat es an passendem Rohmaterial gefehlt. Nach einer Angabe im Hannoverschen Magazin von I77Z sollen bei Schneeberg in Sachsen in einer Mühle Feuersteine „geschllffen" worden sein. Die Regierung hatte einige Konstabler nach Galizien geschickt, um das Feuersteinschlagen zu erlernen. Nach ihrer Heimkehr haben sie gefunden, daß die bei Schneeberg am Tage herumliegenden Feuersteine „wirblichen Bruch" haben und sich nicht spalten lassen. Von einer Kippstein-Industrie an den Ufern der Nordsee, mit dem passenden Rohmaterial in den Kreidefelsen, ist nichts bekannt. Nach R. Virchow, Zeitschr. für Ethnol. I888, S. 365 sollen noch gegenwärtig ih Kerdasse, einem Dorf am linken Nilufer, Feuersteine für Gewehre geschlagen werden.

Der Bedarf von Flintensteinen ist sehr groß gewesen. Evans teilt aus Brandon mit, daß im Jahre I868 in jeder Woche noch 200 - 250tausend Flintensteine zum Export nach dem Orient, nach Brasilien und Afrika hergestellt wurden. Ein geschickter Arbeiter soll 5—7000 Kippsteine im Tag hergestellt haben. Aus Galizien berichtet Prechtl nur von 1000, wobei nicht angegeben ist, wie weit hier eine Arbeitsteilung für die Herstellung des Halbfabrikates von Klingen in Frage war. Ein Vorfahre des jetzt noch in Brandon arbeitenden Steinschlägers Fred Snare hat nach Angabe von Lovett (bei Foertsch, S. 374) im Jahre I890 einige Millionen von Flintensteinen nach Zanzibar geliefert. Von Meudon-Seine sind im Jahre 1827 noch Feuersteinknollen nach Paris geschickt und dort verarbeitet worden. Im Jahre 1821 gab es in Le Berry in Frankreich noch 800 Arbeiter.

In den britischen Kolonien war der Vertrieb der Flintensteine ein Monopol der Regierung. Nach dem Kriege I870/7I sind Chassepotgewehre zu Feuerschloßgewehren für die indischen Truppen zurückaptiert worden. Da nach ca. 50maligem Feuerschlagen der Kippstein unbrauchbar wird, hat sich die Regierung gegen unliebsame Verwendung der Feuerwaffen durch Entziehen der Kippsteine schützen können. Erfunden ist das Steinschloß- oder Batteriegewehr im Jahre 1686; es ist definitiv im Jahre 1850 aus den europäischen Armeen verschwunden. Von 1839 an ist an seine Stelle das Perkussionsgewehr mit Zündhütchen und 1870 das Zündnadelgewehr getreten.

Rückwarts in der Geschichte und Vorgeschichte hat sich der Kippstein öfter auffinden lassen. So z. B. in den Zunderbüchsen zum Feuermachen im Haushalt, in Merowinger Gräbern, in bronzezeitlichen Gräbern, in gallo-römischen Sammlungen. Um das Jahr 2ooo v. Chr. sind nach Schetelig (Manus I9II, III, S. 48) nach Ost-Norwegen die Feuersteine zum Feuerschlagen von Schweden importiert worden. Aus dem vorgeschichtlichen „Taubach" besitzt das Weimarische Museum einen Kippstein aus gelbem Feuerstein, wie er in Deutschland nicht vorkommt. Er war im Kalktuff des Steinbruches von Hirsch eingebettet. Es gibt, besonders in London, Madrid, Wien große Spezialsammlungen von Zundvorrichtungen in den Armeemuseen.

An Stelle des Kippstahles sind vielfach auch Schwefelkiesstücken (Pyrit) benutzt worden. Die belgischen Höhlen, Robenhaussen und viele neolithische Stationen haben Belegstücke geliefert. Fundstücke mit 1 bis 2 durch den Gebrauch entstandenen Ausbuchtungen sind in Le Grand Pressigny nicht selten. Fingerförmige Stäbe aus Feuerstein mit abgearbeiteten Enden werden in den nordischen Sammlungen bald als Kippstein, bald als Drucksteine bezeichnet. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, daß die Unterscheidung von Hohlschaber und abgebrauchtem Kippstein im Einzelfall recht schwierig sein kann.

Auch die Eskimos haben bis in die jüngste Zeit den Pyrit verwendet.

Rutot, jr. bekannte Paläontologe und Geologe in Brüssel, verlegt die Erfindung des Kippsteines weit in das Paläolithikum zurück.

Die Funken sind abgesehen von den Feuerschloßgewehren, auf Zunder hingelenkt worden, Zunder ist aus fein geriebener Pflanzenfaser hergestellt worden, welche wohl in der Weise verwendet worden ist, wie es heute noch von den Naturvölkern geübt wird. Ebenso ist der weich geklopfte Feuerschwamm verwendet worden. Vermulmtes Holz, fein gerieben, mit etwas Salpeter versetzt, und oberflächlich ankohlt gibt ebenfalls einen vorzüglichen Zunder. An dem glimmenden Zunder ist trockenes Moos, Gras oder ein Schwefelfaden entzündet worden.

Die HerstelIung des Zündschwammes ist eine ebenfalls erloschende Industrie. Eine solche besteht z. Z. noch in Neustadt auf der Höhe des Thüringer Waldes. Vor einigen Jahren haben in einer Werkstatt daselbst noch 4 Arbeiter den „Schwamm geklopft". Früher waren 1OO Hände damit beschäftigt, die einheimischen und die bezogenen Baumschwämrne in Zundschwamm umzuwandeln. Die von der Rinde und etwaigen Rippen befreiten Schwammknollen sind mehrere Wochen in Wasser geweicht, dann mit etwas Salpeterlösung getränkt worden, ehe das Weichklopfen mit Holzhämmern geschah. Mit dünnen Messern sind Scheiben abgespalten, diese dann geklopft und getrocknet worden. Die guten Stücken sind weich und so zugfest, wie weiches Leder. Früher war der Schwamm auch in den Apotheken zum Blutstillen erhältlich, heute sind nur noch die pfeiferauchenden Bauern, Förster usw. die Abnehmer. Mit „Stahl, Stein und Schwamm" kann bei jeder Witterung die Pfeife angezündet werden. Noch im letzten südafrikanischen Krieg sind 1400 Zunderbüchsen an die Soldaten der britischen Armee verteilt worden.

Die Abnahme dieser Kippsteinindustrie setzt ein mit der Erfindung der Phosphorzündhölzchen, deren Herstellung seit 50 Jahren heute noch da und dort als Hausindustrie betrieben wird. Daneben sind in England und Frankreich noch auf dem Land die Zunderbüchsen (boites a amadou); die Kippfeuerzeuge (strikes a light, pierres a feu) in Gebrauch. Die Zündholzsteuer hat den Anstoß gegeben, mechanische Reibfeuerzeuge zu erfinden. Die Kippstein-Industrie selbst stirbt unter unseren Augen aus.

Steinschläger

Eine letzte technische Verwertung des Feuersteines sei noch kurz erwähnt. An den FeuersteinfundpIatzen in England sind einige Kirchen aus zugehauenen Feuersteinen gebaut. Die Abbildung einer alten Kirche mit Feuersteinmosaik aus Brandon ist im Weimarischen Museum ausgestellt. An Fachwerkbauten sind die Fächer im Holzgerippe damit ausgemauert, oder mosaikartig verziert. Garteneinfriedigungen sind in Frankreich aus rohen Knollen aufgemauert. An der Tür einer Dorfschenke ist oft ein großer Block mit einem natürlichen Loch eingemauert, an welchem der Wagenführer sein Zugtier anbindet.

Die Werkstatt der Kippsteinfabrikanten ist sehr primitiv eingerichtet. In Brandon hat ein Holzschuppen 3 Tische für 3 Arbeiter. Ein derber Holzklotz dient als Tisch. Gearbeitet wird des Staubes wegen in der Regel bei offener Tür. Die Arbeiter tragen in der Nase leichte Wattepfröpfe, um Tuberkulose, die öfters bei ihnen vorkommt, zu verhüten.

In die Werkstelle kommt das Rohmaterial, über dessen bergmännische Gewinnung wir später berichten, in Gestalt von weiß inkrustierten Knollen, 4 bis 8 Pfund schwer. Scheiben kommen in England und Frankreich nur selten vor.

Der Knollen kommt auf ein Lederpolster auf den linken Oberschenkel zu liegen. und der erste Angriff des Arbeiters ist auf einen größeren Vorsprung am Knollen gerichtet. (Siehe Mus. Weim. Technolog. Abt. Schrank VIII;)

Ein Hammer (Vierteiler, quartering hammer in England, assommeur oder entonneur in Frankreich) (Abb. I) von 1 1/2 Pfund Gewicht ist ausschließlich für die erste: Zerlegung des Rohmateriales bestimmt. Es gilt, an dem Knollen eine möglichst ebene Spaltfläche zu gewinnen, von welcher aus die weitere Abspaltung von Klingen (lames in Frankreich, flakes in England) geschehen kann. Wird ein größerer Höcker an seinem Grund von der Vorderkante des Vierteilers gut getroffen, so geht eine Spaltebene durch das Gestein hindurch. Ein größerer Knollen wird auf diese Weise in 2, 3 und mehr dicke scheibenförmige Stücke zerlegt. Sobald ein Vorrat von solchen Teilstücken oder Werkbankstücken gewonnen ist, kommt der zweite Abschnitt der Arbeit, das eigentliche Klingenspalten (flaking), an die Reihe (Abb. 2).

Auffallend übereinstimmend sind die älteren Nachrichten aus Frankreich, England, Galizien über die Pflege der zu Tage geförderten Feuersteinknollen. Es soll ihnen die Erdfeuchtigkeit erhalten bleiben. Deshalb werden größere Vorräte überhaupt nicht angesammelt, die frischen Blöcke mit grünen Zweigen bedeckt. Die trockenen Steine sollen „wirblig brechen" und unverwendbar sein. Daß frisch der Erde entnommene Steine sich leichter zu langen Klingen verarbeiten lassen, als von der Sonne ausgedrocknete, hat Verfasser selbst beobachtet.

Tatsächlich kehren sich heute der englische und der französische Steinschläger nicht an diese Vorsicht. In Brandon lagerten 1911 frei im Hofe des Steinschlägers einige Wagenladungen von weißen Knollen, die von auswärts mit der Bahn bezogen waren. Echter Brandonstein war nicht mehr erhältlich, weil der Betrieb der Feuersteinbrunnen (Stollen) bereits eingegangen war.

Etwas Wahres aber muß an der Behauptung von dem Nutzen der Erdfeuchtigkeit sein. Verfasser hat 1907 bei einer Grabung nach Eolithen am Puy Corny bei Aurillac diesen Wassergehalt des frisch ausgegrabenenr Feuersteins bemerkt. Auf frischen, schwarzen Bruchstellen waren kleine nasse Punkte zu sehen, die sich abwischen ließen; an ihre Stelle traten neue Punkte.

Über die mechanischen Vorgänge beim Klingenspalten wird in Abschnitt 7, bei der Herstellung der Halbfabrikate, ausführlicher berichtet. Hier sei nur im voraus notiert, daß der Schlag des Hammers unter einem Winkel von ca. 70° auf das Werk- oder Kernstück treffen muß. Wenn schmale, prismatische Klingen abspringen sollen, muß außerdem das Werkstück die vorspringende Kante von Abb. 2 haben.

Um den schiefen Einfallswinkel der Kraft einhalten zu können wird das Werkstück in der Weise, wie Abb. 1 zeigt, fixiert. Der Arbeiter drückt das Werkstück an die äußere Seite des Oberschenkeis an, wobei die zu bearbeitende Steinkante etwa fingerbreit vom Polster entfernt bleibt. Nun kann die Hammerkraft ziemlich senkrecht von oben auf die Arbeitskante des Werkstückes geführt werden, um den in Abb. 2 vorgeführten Neigungswinkel zwischen Trefffläche und Schlagrichtung zu erhalten. Ein geschickter Arbeiter wird auch freihändig diese Vorbedingungen erfüllen können. In der Abb. 11 ist dargestellt, wie der englische Steinschläger Herr Fred Snare mit einer prähistorischen Steinkugel die KIingen abgespalten hat.

Die beiden letzten Steinschläger in Frankreich und England benutzen zum Abschlagen der Klingen den Klingen-, Schiefer- oder Lamellenhammer, welcher pyramidenförmig sich verjüngt und eine kleine quadratische Hammerbahn hat. Beim Aufschlagen trifft eine kurze Kantenlinie das Werkstück. Ist die Hammerbahn rund geworden, so wird sie wieder als Viereck neu hergestellt. Der Hammer ist ca. 1/2 Pfund schwer (siehe Abb. 2).

Beide Steinschläger klagen, daß das Rohmaterial schlechter geworden sei. Die Mehrzahl der heute gewonnenen Klingen ist ungefähr fingerlang und liefert nur 2 - 3 Gewehrsteine. Früher sollen 3 und 4 gewonnen worden sein.

Wenn der englische Steinschläger auf eine Frage nach dem Grund von einem so geringen Resultat die Antwort gegeben hat, daß die jetzige Herstellung von ungenügend geschulten Arbeitern geleistet werden so kam dabei auch die Klage über höhere Lohnforderung der Arbeiter zum Ausdruck. Tatsächlich hat die Materialkenntnis abgenommen.

An jeder gelungenen Klinge (Abb. 4) sind zu unterscheiden: die zwei langen haarscharfen Seitenkanten, zwei Flächen, ein zugespitztes Ende und ein Rest der Schlagfläche, den wir als Basis bezeichnen. Für sich allein betrachtet, ist die kleine Basis eine Ebene, weil sie eben ein Teilstück der früheren Trefffläche am Werkstück darstellt. Stellt man die Klinge auf eine Tischfläche, so fällt sofort auf, daß ihre Basis schief zum Verlauf der Seitenflächen gerichtet ist. Es hängt das mit dem Spaltwinkel zusammen, der in Abb. 2 schematisch dargestellt ist, und der bei den Untersuchungen über die physikalischen Unterlagen der Steinspaltung in Abschnitt 5 eingehend besprochen wird.

Abschlag

Von den beiden Seitenflächen der abgespaltenen Klinge hat die eine einen nahezu ebenen Verlauf (Abb. 4a), der bei näherer Betrachtung jedoch mehr muschelartig, nach allen Randseiten hin leicht gekrümmt (ogival) ist. Die Muschelung hat ihren Gipfel dicht unterhalb der Basis in dem hier befindlichen „ Schlagbuckel" oder Schlagkegel, dessen physikalische Deutung in einem der folgenden Abschnitte versucht werden soll. Gut springendes Feuersteinmaterial hat einen kleinen Schlagbuckel; derselbe ist bei dem glasartigen Obsidian, einem in Mexiko und in der Südsee gebräuchlichen Ersatzmaterial für Feuerstein, am geringsten ausgesprochen.

Die andere Breitseite (Abb. 4b) hat 1 oder auch 2 Längsrippen, je nachdem der Arbeiter mehr oder weniger geschickt ist. Die Bildererklärung zu den Abb. 9 u. 1O besagt das Nähere. Weitere Einzelheiten folgen in Abschnitt 5.

Für die Weiterbearbeitung der Klingen zu Kippsteinen kommen die Dicke der Klinge und die Rippen mit den auslaufenden zwei schmalen Fazetten in Betracht, die nach der Schneidkante, der späteren Feuerschneide hin verlaufen. Die glatte Seite, die Schlagbuckelseite, soll später als Auflagefläche im „Hahnenmaul" des Steinschlosses dienen. Zweirippige Klingen liefern Feuerschneiden, welche spitzwinklig mit der Auflageseite zusammenstoßen. Klingen mit einer Rippe sind derber und werden zur Herstellung von dauerhafteren Kippsteinen verwendet.

Abb. 4 a—b zeigen Vorder- und Rückseite der langen Klinge, c die drei Teilstücke mit dem fertigen Mittelstück. Abb. 4c stellt die Weiterzerteilung der langen Klingen zu Kippsteinen dar. Die Klinge wird der Quere nach in rechteckige Stücke geteilt.

Der oberste Teil der Klinge, mit dem vom Schlagpunkt abstammenden Schlagbuckel, ist als nicht verwendbar abgequetscht worden; ebenso kommt die unterste, in einen dünneren Saum auslaufende Spitze in Wegfall.

Die Querteilung der Klinge (Abb. 3) geschieht ohne Schablone oder Lehre, lediglich nach dem Augenmaß über eine Kante hinweg, mittels eines dritten Spezialhammers, in England des Knapping-Hammers mit Meißelschneide, in Frankreich mittels des Rondelle-Hammers, hier in der Form einer flachen, runden Stahlscheibe mit abgerundetem Rand (Abb. 3 rechts oben). Der Prozeß selbst ist ein Abquetschen, welches am besten verständlich gemacht werden kann durch den Vergleich mit der Schere, welche in der Bearbeitung des Schiefers für Dachbedeckung eine maßgebende Rolle spielt. Die Schieferschere ist an einem Arm fest mit der Werkbank in horizontaler Lage verbunden. Das obere Scherenblatt allein ist beweglich in einer Zwangsrichtung und hat einen Griff. Die zu schneidende Schiefertafel kommt auf das untere Scherenblatt (in Abb. 3 die Meißelkante am Ambos) zu liegen. Die Tafel wird von der linken Hand waagerecht geführt. Die rechte Hand quetscht mit dem Scherenblatt die überstehende Fläche der Schiefertafel ab.

Sowohl in der Schiefer- als auch in der Feuersteinindustrie besteht eine ausgedehnte Arbeitsteilung. Für einen Scherenarbeiter im Schieferbruch besorgen mehr als fünf Arbeiter das Herbeischaffen von Rohmaterial, das Aussuchen der guten Platten und das grobe Vorspalten. Der Schieferarbeiter ist schon als Kind in die Technik eingeweiht und besitzt Materialkenntnis. Der kaum der Schule entwachsene Arbeiter bringt freihändig das Schneiden von fünfeckigen Tafeln fertig, immer die vorgeschriebenen Winkel und Längen innehaltend.

Der Amboß zum Feuersteinspalten ist in Abb. 3 dargestellt. In England ist es ein richtiger kleiner Amboß aus Eisen, in den Rand des Werktisches eingelassen. Zur Schonung des auffallenden Hammers ist der Amboß nach vorn mit einem Lederpolster versehen. Die Breite der Amboßkante beträgt 2 cm. Der französische Arbeiter benutzt einen aufgerichteten Meißel aus nicht gehärtetem Stahl, der zum Schleifen aus der Werkbank herausgenommen werden kann. (Siehe Museum Weimar.)

Die linke Hand des Arbeiters ruht hinter dem Amboß auf der Werkbank und hält die Klinge mit der Schlagbuckelseite nach oben; er schiebt die Klinge in dem Umfang nach vorn, als von derselben abgequetscht werden soll.

Spanien hat im Artillerie-Museum in Madrid einige ältere Werkzeuge aus England aufbewahrt. Der bekannte Spezialist auf dem Gebiet der Waffenkunde, Herr Generalleutnant a. D. Rathgen, hat die Güte gehabt, eine Photographie davon zu vermitteln (Weim. Museum). Dieselbe enthält die Hämmer, speziell den englischen Knappinghammer, das Schurzfell für den linken Oberschernkel, den Meißelamboß u. dgl. m. Einige spanische Hämmer ähneln eher den französischen Mustern; die Rondelle fehlt. An Stelle des Knappinghammers ist in Spanien auch eine maschinelle Vorrichtung in Gebrauch gewesen. Durch Federkraft ist die Hammerklinge niedergeschlagen worden, scherenblattähnlich wirkend an der Kante des Meißelamboß, wie soeben von der Schieferarbeit beschrieben worden ist.

Der fertige, in den Hahn (das „Hahnenmaul") des Steinschloßgewehres einzusetzende Kippstein (Abb. 4c) hat folgende Beschaffenheit:

a) Eine untere, ebene Fläche (Schlagbuckelseite der Klinge) (Abb. 4a), mit welcher der Flintenstein auf der unteren Lippe des Hahnenmaules aufliegt.

b) Oben liegt die Fläche mit den Rippen (Abb. 4b). Auf das Mittelfeld zwischen denselben drückt die Oberlippe cles Hahnenmaules beim Einschrauben des Kippsteines.

c) Die beiden schmaleren Seitenflächen stoßen mit der Unterfläche (a) in einem spitzen Winkel zusammen und bilden die Feuerschneide. Die Flächen a und b sind mit einem Stückchen Leder gepolstert. Die Feuerschneide ist der wichtigste Teil am Kippstein; sie ragt aus dem Hahnenmaul nur o,3—o,4 cm hervor.

Zentralstellen für die Herstellung des Armeebedarfs waren in:

England: Schwarzer Stein; Brandon St. Edmonds, Suffolk (Familie Snare), GrimesGraves bei Brandon; Icklingham-Suffolk; Norwich-Salisbury.

Italien: Cero.

Oesterreich: Brzeczam, Podgorze in Galizien (Gelber Stein). Türkei: Arlona in Albanien.

Frankreich: (Gelber Stein) Meusne, Porchairioux, Loir et Cher und noch viele Orte, die bei M. de Mortillet angeführt werden.

In der Blütezeit des Geschäftes sind gegen 20 und mehr Muster hergestellt worden für verschiedene Gewehr- und Pistolensysteme; runde, halbrunde, von 1 1/2—8 cm Breite (Museum Weimar).

Eine besondere Beachtung verdient noch die Ansammlung von Haldenmaterial in den Gruben und Werkplätzen. Der Umfang der steinzeitlichen Technik wird dadurch am besten gekennzeichnet. Wer nicht Gelegenheit hat, die Feuersteinhalden in England oder Frankreich selbst zu besuchen, der kann sich ein Bild machen durch die Besichtigung der Halden an den Schieferbrüchen in Thüringen oder Westfalen. Im Laufe von Jahrhunderten haben sich in den Schieferbrüchen die Arbeitsabfälle zu Bergen angehäuft. Reichlich 90 % des mühsam aus den Gruben und Schächten heraufgehobenen Rohmateriales ist unbrauchbar gewesen.

Der raffinierten Arbeitsteilung in den Schieferbrüchen werden wir wieder begegnen an den Feuersteinwerkstätten. Eine erste Vorbedingung ist auch hier die Materialkenntnis und Handfertigkeit. Eine lange Lehrlingszeit und eine gewissermaßen ererbte Befähigung sind die Voraussetzungen. — Es muß auch Feuerstein-Spezialisten gegeben haben, die zu den vielen Vararbeiten nicht herangezogen worden sind. Die Hochachtung vor den Leistungen der Feuerstein-Feintechnik kann nur steigen, wenn man bedenkt, welches Maß von Schwierigkeiten beim spröden Feuersteinmaterial gegenüber dem zähen Metallzu überwinden war.

Aufbau

Betont sei noch, daß die Steintechnik, aus Gründen der Materialbeschaffenheit, die gleichen Wege gegangen ist in der alten und in der neuen Welt.

Die Halden an Feuersteinwerk stätten sind dagegen nur meterhoch, aber weite Flächen sind mit Abfallstücken bedeckt, mit unbrauchbarem Rohmaterial, Randstücken, Splittern, den abgeschlagenen Schlagkegelstücken, den halbfertigen oder mißglückten Fabrikaten und vor allem auch mit den ausgenutzten Rest- und Kernstücken. Letztere spielen z. B. in Spiennes und in Le Grand Pressigny eine hinsichtlich ihrer Entstehung noch nicht ganz aufgeklärte Rolle. Es kommen Reststücke von 2—3 und von 30 cm Länge vor (Abb. 6,- 7, 8).

An Fundstellen mit kleinen Rollkieseln, - z. B. in Taubach, sind die Reststücke ausgenützt bis aufs äußerste. Unter 1OO Abfallstücken werden kaum ein bis drei brauchbare Arbeitsgerate gefunden. Gerade Taubach-Ehringsdorf mit ca. 1OO Herdstellen lehrt, daß dort das meiste Arbeitsgerät für den täglichen Gebrauch hergestellt wurde. Nur ausnahmsweise ist ein technisch vollendetes Stück darunter, wie die schöne Lorbeerblattspitze aus Ehringsdorf im Weimarischen Museum. Für gröberes Arbeitsgerät sind vielfach Quarz, Porphyr u. dgl. herangezogen worden.

Die Abb. 5 zeigt einen Feuersteinknollen, den der französische Steinschläger in Klingen zerlegt hat. Es ist noch ein Rest des Knollens übrig geblieben. Die Abb. 6 stellt einen von englischen Steinschläger hergestelIten Restkörper (nucleus) dar; Abb. 7 u. 8 sind Fundstücke aus den Lößwohnstätten des steinzeitlichen Jägers, aus Krems in Mähren.

Kerne

Die Zahl der prähistorischen Arbeitsplätze ist sehr groß. Überall wo Feuerstein zu Tage tritt, stößt man mit Sicherheit auf dieselben. Aschenschichten, Kochsteine, Haldenmaterial, Topfscherben u. dgl. m. deuten darauf hin, daß der vorgeschichtliche Mensch hier auch gewohnt hat. Wie um Bernstein und Gold, so hat man sich früher wahrscheinlich auch um den Besitz der Fundstätten bekämpft, auch wenn es sich nur um Flußrollsteine gehandelt hat.

An manchen Orten hat man 1O und öfter noch sehr viel mehr Werkstätten aufgedeckt, z. B. in Meudon, Aveyron, Le Grand Pressigny, Champignolles (Vienne) usw. in Frankreich; Cissbury, Sussex, St. Margarete-Bay bei Dover in Fngland; Mitterberg bei Salzburg, Taubach bei Weimar usw. In manchen Gebieten haben dicht nebeneinander solche Werkstätten für grobes und feines Gerät, für Speerspitzen, Bohrer, Schaber, Mikrolithen und geschliffene Beile bestanden. Ausführliche Listen haben Evans, Mortillet, Rees u. a. gegeben.

Winklung

Um Wiederholungen zu vermeiden, schicken wir den späteren Mitteilungen hier die französische Nomenklatur voraus (Abb. 9 u. 1O), welche für die Schlagerscheinungen an Feuersteinabschlägen üblich ist. Die Feuersteintechnik hat der Regel nach solche Seitenabschläge als Halbfabrikat hergestellt und weiter verwendet.

Die physikalischen Vorgänge bei der Seitenabspaltungen sollen im Abschnitt II, 5 näher geschildert werden.

Die Literatur über die Kippsteinfabrikation ist eine umfangreiche, von welcher wir nur anführen:

H. Th. Salmon. La fabrication des pierres a feu en France. Paris 1885 bei H. Henneguy.
M. de Mortillet-Paris. La prehistorique. Antiquite de l'homme 1910.
Evans, Les ages de la pierre. Paris, Bourlon 1878.
R e e s, Encyklopädie, article: „Gunflints".
Skertchly, Manufacture of gunflints, A. de Mortillet. Les pierres a fusil. Rev.
Ecole d'anthropologie XVIII, pag. 262—264.
Bourlon, Les tailleurs de silex de Meusnes-Loir et Cher, Typographie Tardy

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