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| Ein Bild für die Götter |
Sonntag, 05. 09. 2010 |

Grundlage der Aktion ist der Auftrag eines Gemäldes für das Naturhistorische Museum in Wien. Dort soll ein 2 x 4 m großes Ölgemälde aufgestellt werden, welches eine Wisentjagd in der Jungsteinzeit darstellen soll. Den Auftrag dazu erhielt >>Boris Koller, ein Maler aus Wien. Aufgrund der Recherche zu diesem Themenkomplex stieß Boris Koller auf meine Webseite. Er reiste im Frühjahr 2007 aus Wien nach Aachen an und wir stellten die Szene in aufwändigen Aufnahmen während 2 Tagen nach.
Zur Zeit arbeitet Boris Koller in seinem Münchener Atelier an dem Gemälde. Ein Zwischenstand ist hier dargestellt. Das Bild soll zum Sommer/Herbst 2007 fertiggestellt werden und im Naturhistorischen Museum in Wien im Saal der Steinzeit ausgestellt werden.

Boris Koller, Österreicher, Maler und Komponist

Nur eine der Szenen am Modell eines Büffels. Etwas verschwommen, aber so waren die Zeiten damals.

Arbeiten am Bild.

Die vorläufige Komposition (noch lange nicht fertig).

Ein Eindruck der Größenordnung mit den Protagonisten.

Sommer 2007. Das Werk nimmt Gestalt an.

Die Details werden nun deutlicher.

BLUMAMMU (mit Rauschebart) in der Jungsteinzeit demnächst im Naturhistorischen Museum zu Wien. Hätte ich damals so ausgesehen? Wahrscheinlich ja, wenn ich damals überhaupt so alt geworden wäre.
Die nächsten Bilder an dieser Stelle von der Präsentation des Bildes am 12. November 2007 im Naturhistorischen Museum Wien im Rahmen einer Ausstellungseröffnung über Höhlenmalerei (wie sinnig). Bis dahin ... Weidmanns Heil.

Liebe Freunde der Malerei!
Endlich ist es so weit. Das riesige Gemälde "Eine Wisentjagd der
Jungsteinzeit" wird im Naturhistorischen Museum in Wien präsentiert.
Dazu gibt es noch die Replik eines Mammuts und eine Ausstellung über
steinzeitliche Malerei zu sehen. Das alles steigt am Montag, den 12. November ab 18:30 h.
Mit besten Grüßen
Boris Koller
Die Wisentjagd - Vorgeschichte zu einem Monumentalgemälde
Dieses Thema ist weder in Österreich noch sonst wo archäologisch ausreichend dokumentiert. Die Jagd in der Jungsteinzeit war dazu nie wirklich im Interesse der Wissenschaft gestanden, die an dieser Epoche vor allem die Landwirtschaft bearbeitungswürdig fand, Funde von Überresten des Auerrinds waren bekannt, der Wisent bei uns durchaus verbreitet. Man musste also diese Jagd vollständig neu erfinden, und um auf der realistischen Seite zu bleiben, auch gegen manche voreilige archäologische Vorstellung. Wie erlegt man ein Tier dieser Größenordnung mit Pfeil und Bogen, wenn die Hautdicke über einem Zentimeter liegen kann und nicht eimal mit von Speerschleudern geworfenen Speeren nennenswert durchdrungen wird? Wie soll die Darstellung eine Jagd mit nur Pfeil und Bogen aussehen? Eine große Landschaft, der Wisent winzig klein auf der einen Seite, und ganz auf der anderen, ebenfalls winzig klein, die Bogenschützen? Speerschleudern gab es damals auch nicht mehr, die Stoßlanze war angeblich noch viel früher ausgestorben. Was mit der Beschreibung einer Wisentjagd im 16. Jahrhundert, die den Prinzipien eines neuzeitlichen Stierkampfes sehr ähnelt? Gab es etwa unorthodoxe Alternativen der Jagd?
Die Malerei, das eigentliche Zentrum und Ziel aller Dinge.
Das Bild, wie auch die Vorbereitungen dazu, haben mich über alle Maßen beansprucht. Schlaflose Nächte blieben nicht die Seltenheit. Alle Punkte und Details sind genau durchdacht und überprüft. Dazu habe ich nicht nur meinen Freund und Steinzeitjäger Hartmut Albrecht aufgesucht, sondern zusätzlich Archäologen in Halle konsultiert, den ehemaligen Direktor des Jagdmuseums in München, Bernd Ergert, und Anne Reichert, eine der profiliertesten "Ötzi"-Spezialistinnen. Fachliteratur stapelte sich ohnehin.
Malerisch war es eine besondere Herausforderung, ein Bild zu machen, das der Umgebung standhält. Einige der besten Maler der 1880er, also der Mackartzeit, hatten sich dafür ins Zeug gelegt. Die bestehende Sammlung gehört sicher zu den bedeutendsten auf diesem Gebiet überhaupt, die malerische Qualität zur besten nur leistbaren. Mein Held Julius von Payer hat z.B. dazu beigetragen. Maler waren damals noch die wahren Architekten im eigentlichen Wortsinn. Der Expeditionsleiter in den Norden, von Payer, hat wie kaum ein anderer bewiesen, daß die Malerei das eigentliche Zentrum und Ziel aller Dinge ist. Die Malweise der hauseigenen Bilder konnte ich zum Teil in der Werkstätte der Restauratorin des Museums aus der Nähe studieren. Theatermalerei war da sicher ein wichtiger Hintergrund. Dünnster Farbauftrag war bestimmend. Dieser verliert aber mit der Zeit an Kraft, so wählte ich die Vorgehensweise des Italienischen und Niederländischen Barocks. Der Nachteil dieser Techniken lag beim Zeitaufwand. Je mehr Farbe bewegt wird, umso mehr Arbeit. Dazu musste ich die Komposition genau austarieren. Der Lanzenstoßer in der Mitte wurde zum Beispiel acht mal abgekratzt, also neun mal gemalt, bis er die richtige Haltung hatte und gut stand.
Ein Kunstmuseum?
Zum Kunstbegriff ist eines deutlich zu sagen: Der Ursprung der Kunst liegt im heutigen Deutschland, aber sicher nicht länger als 250 Jahre zurück. Davor war der Begriff Kunst einer für Wissenschaft. Schlägt man dann "artist" in Furetières französischem Wörterbuch von 1690 nach, so bekommt man nicht über Maler wie Raffael und Leonardo zu lesen, sondern von den berühmtesten Alchemisten der Zeit. Die Erstausgabe der französischen Enzyklopädie (1751) bespricht unter dem Stichwort "art" hauptsächlich Pyrotechnik, außerdem diverse Schwarzkünste.
Eine Kunstkammer der Renaissance, z.B. die in Dresden, enthielt im Schnitt 2% Malerei, darstellend unerreichbare Teile der Sammlung einer Wunderkammer, so etwas wie über und über behaarte Menschen. Gegenstände aller Art wurden in Vitrinen ausgestellt, in Schränke gelegt, und an Wände und an die Decke gehängt. Hauptsächlich wurde die Sammlung eingeteilt in Naturgeschaffenes (naturalia) und Menschengeschaffenes (artificilia). In einer solchen Sammlung konnte man folglich alles finden, von wissenschaftlichen Meßinstrumenten, Skulpturen und Schwertern, bis zu ausgestopften Tieren wie Krokodilen und Haien. Deformierte Kalbsköpfe, Meerespflanzen, ein Kajakk aus Grönland, Samenschuhe und ein ausgestopfter Elephant waren auch zu sehen. Die Auswahlkriterien waren teilweise bewunderungswürdiges Können, und teilweise das Sensationelle oder Seltene. Die Sammlung in Dresden bestand hauptsächlich aus unterschiedlichen Typen Werkzeug (75%), samt wissenschaftlicher Instrumente und Uhren (4,5%), außer lausigen 1,5% Gemälden und Skulpturen. Man könnte auch das Verzeichnis der Bücher der Sammlung nennen. Es listet astronomische, astrologische, geometrische "und andere Kunstbücher" auf. Das Verzeichnis bestätigt: "Kunst" war in dieser Zeit ein neutraler Begriff für das Wort "Disziplin" oder "Kenntnis". Diese Bücher behandelten nicht die Geschichte der Malerei, sondern die Fächer Astronomie und Geometrie. Die Proteste, die entstanden, als die Reste der Kunstkammer 1835 verkauft wurden, kamen da auch nicht - mein norwegischer Freund Jan-Ove Tuv wies darauf hin - von einer versammelten Blaskapelle von Kunsthistorikern, sondern vom Direktor der Dresdner Technischen Lehranstalt.
Von den Malern, deren Werke im Haus gegenüber gezeigt werden, hat sich sicher kein einziger im Laufe seines Lebens als Künstler bezeichnet, so wie ich mich nicht als solcher bezeichnen kann. Das eigentliche Kunstmuseum im historischen Sinne ist genau dieses, in dem wir uns befinden. Die Kunst, wie wir sie heute verstehen, ist ein von Kant erfundenes und von Hegel propagiertes Phänomen der Neuzeit. Die Formulierung "Kunst in der Steinzeit" ist demnach grober Unfug und Geschichtsfälschung! Mit demselben Recht könnte man von Kommunismus in der Steinzeit sprechen. Dieser wurde nämlich auch von Kant vorbereitet. Hätte man einen Künstler für diesen Platz an der Wand beauftragt, er hätte, wenn nicht eine Videoanlage, so doch anderen zeitgeistige Kürzel montiert. Wer sich dafür interessiert, ist wohl in einem Museum zeitgenössischer Kunst besser aufgehoben.
Der Wisent
Zurück zur Malerei: Was den Wisent angeht, handelt es sich um ein relativ junges Tier, Modell war vor allem ein wunderschönes Stopfpräparat aus dem Fundus des Naturhistorischen Museums, erlegt 1916. Dieser Typus entspricht in den Gesichtszügen eher den Höhlenmalereien, als die heutigen wieder frei lebenden Stämme. Ansonsten hielt ich mich an die in Hellabrunn gezeigte Sippe. Von Hellabrunn gingen seinerzeit die Bestrebungen aus, ein Zuchtbuch anzulegen um den Wisent wenigstens in Tierparken retten zu können. Die lokalen Varianten waren einstmals vielfältiger. Szalay unterschied noch drei geographische Formen: die ostpreussische (ausgestorben 1755), die siebenbürgische (ausgestorben 1790 bzw. 1809) und die polnisch-litauische (ausgestorben 1919).
"Er wir immer zürniger und fichtet nicht nur mit den Hörnern."
Die Jäger betreffend: zu sehen sind drei Bogenschützen, einer davon prominent. Diese haben ihre Arbeit schon getan, der Wisent leidet unter Blutungen, verliert an Sehkraft, und hat ohnehin Angst vor dem Wasserlauf, den er im Winter meiden würde wie Menschen die Pest. Diese Situation gibt Anlaß, es mit anderen Mitteln zu versuchen, ihm den Rest zu geben. Die Haltung des Tieres entspricht dem Erschöpfungszustand, den ich bei Stierkämpfen beobachten konnte. Videos dazu lieferten dankenswerter Weise spanische Stierkampfgegner. Die Lithographien Goyas waren ebenso sprechend.
Die Pfeile schoß der Bogenschütze Wolfgang Herbst aus Ginnick/Düren für mich aus einer wahrscheinlichen Jagddistanz auf eine lebensgroße, selbstgefertigte Nachbildung eines Bisons. So erhielt ich die realistische Neigung der Treffer. Die Spitzen, wenn auch schwer auszumachen, sind Querschneider, die ich trotz Skepsis aus Halle dargestellt habe. Die Durchschlagskraft solcher Spitzen ist gewaltig, wie Versuche zeigten. Die Bogenform entspricht dem alpinen Typus der Zeit, obwohl sich damals schon Ansätze zum Reflexbogen fanden. Übrigens: der Köcher diente damals nur zum Transport der Pfeile. Man zog diese nicht wie Robin Hood einzeln, sondern hielt einen Vorrat in der Hand, wie Höhlenmalereien beweisen. Die zwei Klappen von Ötzis Köcher hätten jeden anderen Versuch auch unmöglich gemacht.
Zu den Stoßlanzen: Zu denen gibt es zwar keine direkten Funde, aber ich halte es für höchst unwahrscheinlich, daß sie ab der Mittelsteinzeit verschwunden wären, um dann in geschichtlicher Zeit auf einmal wieder flächendeckend im Einsatz zu sein. Alle Jäger, mit denen ich sprach, sind sich darin einig. Auch ein Nachfahre von Sitting Bull in den USA wurde diesbezüglich konsultiert. Ein Diorama im Museum für darstellende und angewandte Naturkunde in Salzburg zeigte ebenfalls eine Jagd auf einen Wisent zu Pferde und zu Fuß mit Lanze und Speer. Die Lanzen auf meinem Gemälde sind zwar etwas kurz, allerdings halte ich es für praktischer, im dichten Gehölz der damaligen Wälder kurze Stangen zu tragen, zumal sie auch sehr dick sein müssen und als zusätzliche Option mitgeführt wurden, und das vielleicht tagelang. Die Handhaltung ist sicher sehr persönlich, (einige Linkshänder sind auf dem Bild), aber nach der Betrachtung der Stierkampfvideos und der Lektüre einer Beschreibung einer Wisentjagd aus der Renaissance durchaus realistisch aus meiner Sicht.
Graf von Herberstain schildert eine solche Jagd in seinem Werk Moscovia: "...wer Bisonten jagt, muß mit großer Stärke, List und Geduld begabt sein. Die Bisonte werden gegen einen offenen Wald getrieben. Hinter jedem Baum wird ein Jäger verordnet, und wenn der Bisont kommt, sticht der vorderste Jäger mit seinem Schweinsspieß zu. Auch wenn der Bisont mehrmals getroffen wird, fällt er nicht bald um. Er wird immer zürniger und fichtet nicht nur mit den Hörnern, sondern auch mit dem Maul und schüttelt die Zunge. Diese ist so rauh und hart, daß er damit die Kleider des Jägers ergreifen und den Jäger somit zu sich ziehen kann. Er läßt ihn dann nicht los, bis er ihn umgebracht hat. Wenn ein Jäger davon müde wird, um den Baum zu laufen und den Bisont zu stechen und sich erholen möchte, wirft er vor dem Wilden eine rote Hut, vor welcher das Tier mit Hörnern und Füßen grausam wütet." (aus: "Die Rückkehr des Königs", Nigge/Hagen)
Um die äußerst dicke Haut (bis zu einem Zentimeter!) eines Wisents durchdringen zu können, muß größte Kraft aufgeboten werden. Einen Tag lang hat mein Modell schweißgebadet versucht, sich in diese Aufgabe einzuleben. Die Wahl des Lanzenansatzes entspricht nicht der von Stierkämpfen. Hier wird ein gewagter Lungenstich versucht, also eine rasche Tötung. Die Manschette, meine Rekonstruktion nach neuzeitlichen Vorbildern, wo sie ihre Funktion offensichtlich eingebüßt hatte, aber noch immer als Schmuck beibehalten wurde, soll vor zu tiefem Eindringen der Lanze schützen und die wie bei den Pfeilen separat aufgesetzte Spitze festigen. Kleine Steinspitzen werden meist als Pfeilspitzen erklärt. Im August 1990 wurde in Duisburg der Versuch unternommen, auf einer eingeschläferte 20 Jahre alte Wisentkuh Speere mit einer Speerschleuder auszuprobieren. Hornspitzen standen zur Verfügung, die Distanz lag bei nur 12 Metern, und trotzdem erreichte man eine maximale Eindringtiefe von nur 12 cm! Es mussten also auf jeden Fall Klingen an der Spitze angebracht worden sein, um zum Erfolg zu kommen. Details des Steinbesatzes sind auf dem Gemälde zu erkennen, allerdings ist die Malweise dem Format angepasst, und der Betrachtungsabstand bei der Hängung so groß, daß nicht mehr viel auszumachen sein wird. In allem muß dem Gesamteindruck Vorrang gegeben werden.
"Mit dem Rücken des Fleischerbeiles wird ein Schlag auf die Stirn ausgeführt."
Der Einsatz eines Beils war die Anregung von Frau Antl-Weiser. Gegen Menschen wurden sie nachweislich eingesetzt. Man erinnere sich nur an den berühmten Talheimer Fund. Zur Schlachtung von Rindern war ein Schlag zwischen die Augen noch im 20. Jahrhundert durchaus üblich. Dies kann ein Hinweis auf bäuerliche Lebensweise sein. Aufschlußreich war hier das Buch: "Die Steinzeitliche Technik und ihre Beziehungen zur Gegenwart" von 1912 (Verlag von Gustav Fischer, Jena). "Das Betäuben durch den Stirnschlag kann heute noch in den Schlachthäusern beobachtet werden. Mit einem wuchtigen Hammer oder dem Rücken des Fleischerbeiles wird ein Schlag auf die Stirn geführt. [...] In den Bestimmungen zur Gesellenprüfung der Fleischerinnungen ist vorgeschrieben, daß beim Probeschlachten das Rind mindestens beim zweiten Schlag zusammenbrechen soll. [...] Die Erschütterung oder Zerstörung des Kleinhirns oder des Rückenmarks am Boden des Schädels, vom Genick aus, führt sicherer zur Betäubung als der soeben beschriebene Angriff auf die Vorderlappen des Großhirns." In ebendieser Quelle fand ich dazu einen wertvollen Hinweis auf einen Genickstich: "In den amerikanischen Schlachthäusern stößt ein besonders geübter Gehilfe von oben einen Speer in diese Stelle." Ich stütze mich beim Beil auf die einschlägigen Rekonstruktionen, in manchem kann man den beabsichtigten Zeithorizont hier genau definieren.
Ötzis Kopfbedeckung
Die Kleidung mutet modern an, aber nach dem Augenschein (ich bin dazu nach Bozen gereist) war die Kleidung von "Ötzi" eleganter, als sie in Rekonstruktionen dargestellt wird. Der Bogenschütze auf dem Gemälde rechts ist hier besonders interessant, die Rekonstruktion basiert auf neuesten Erkenntnissen von Anne Reichert. Ich halte sie für realistischer als die fehlerhafte Darstellung in Bozen. (Dort ist man sich dessen bewusst, hat aber so viel Energie in die Verbreitung des heute allseits bekannten Erscheinungsbildes gesteckt, daß man es nun nicht mehr ändern will. Man wurde Opfer des Marketings.) Eine Bast- oder Grasmatte, wie sie bei Ötzi gefunden wurde, war wahrscheinlich als eine Art Kapuze, auch über einer Fellmütze, in Gebrauch, eventuell auch zur Tarnung. Ein Gürtel wird auch über dem Fellmantel getragen, Ärmel sind wahrscheinlich. Am Gürtel hängt das Messer rechts, das haben wir ausprobiert, auf der anderen Seite hängt ein Bund von Schnüren an einem Stein. Sowohl diese Art der Befestigung als auch die Kapuze haben sich in Japan in lebender Tradition erhalten. Auf Textilien im eigentliche Sinne wurde auf dem Bild verzichtet. Nicht, weil es sie damals nicht gab, sondern einfach, weil sie in diesem Zusammenhang einfach nicht zu zeigen war. Die dargestellten Flechtwerke können aber als Hinweis gelten.
Ich bin Steinzeitmensch!
Was ist nun eigentlich der Sinn einer solchen Malerei? Auch der Maler muß sich schließlich die Frage stellen, was ihm die intensive Beschäftigung mit diesem Thema bedeutet. Meine ganz persönliche Antwort: überraschend oder nicht, rasch habe ich mich in diese Welt einleben können. Das war für mich auch nicht weiter verwunderlich, der Kern unserer Existenz wird anhand solcher Überlegungen drastisch deutlich. Wo sich der heutige Künstler vor allem mit Sozialkritik zu beschäftigen und "aktuellen Positionen" auseinanderzusetzen hat, da war gerade diese Perspektive vertraut und erfrischend zugleich. Wenn man betrachtet, wie bei allem Variantenreichtum sich dieselben Lebensbedingungen über zigtausende Jahre fortzogen, wird einem umso mehr bewusst, woher die Grundlagen unseres Seins stammen. Alle Gegenstände und ihr Gebrauch wuchsen damals aus langjähriger Optimierung und Anpassung an die gegebenen Notwendigkeiten. Heute, wo sich die Evolution vom Menschen in das Werkzeug verlagert hat, wo von noch vor Jahrzehnten gewonnenen Fertigkeiten heute schon behauptet wird, nichts mehr zu taugen, sieht man, wie sich angebliche Notwendigkeiten in diesem Lichte relativieren. Expeditionsreisende des frühen 19. Jahrhunderts nach Nordnorwegen wunderten sich über die andauernden Gespräche der dortigen Bevölkerung. Was hätten solch "dumpfe" Menschen denn eigentlich zu Besprechen? Das ist genau der Punkt. Die eigentliche Kulturleistung besteht im Geistes- und Seelenleben, in Geschichten und Vorstellungen. In Handwerk und sozialen Geflechten, die das Einzelleben überdauern. Diese Gemeinschaften waren die eigentlich krisensicheren. Sie wirtschafteten nachhaltig und schufen unsere Lebensbasis. Heute dagegen sind wir in Gefahr, unsere steinzeitliche Natur gegen uns selbst zu wenden. In den Kernbereichen des Menschens war dieser zu jeder Zeit zu den höchsten Leistungen fähig. Malerei der Steinzeit wurde erst in der Antike und dann der Renaissance übertroffen, keinesfalls durch die Leistungen heutiger Kunst. Dies kann ein Beispiel für viele Sackgassen sein, in denen wir uns heute befinden. Wenn man mir die Wahl lässt, dann gestehe ich: ich bin Steinzeitmensch!
Boris Koller, im Herbst 2007

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